
Hier bahnt sich ein Ausrutscher an: Warum bloss freuen wir uns manchmal, wenn jemandem ein Malheur geschieht? (Foto: Banane, Filmstill aus «The Battle of the Century», 1927; bearbeitet von Anja Niederhauser).
Vielen Dank für Deine spannende Frage, liebe Leserin. Bevor ich zur Schadenfreude etwas sage, möchte ich gern die Freude etwas näher anschauen: in der Psychologie gilt sie als eine Grundemotion. Sie kommt auf, wenn wir Menschen treffen, die wir mögen. Wenn wir etwas erreichen, worauf wir schon lang hingearbeitet haben, wenn wir etwas erleben, was uns erfüllt.
Sie ist verbunden mit einem warmen Gefühl in der Herzgegend, mit Lachen und – wer es gern mit Botenstoffen ausgedrückt hat – mit Dopamin, Oxytocin und Endorphin. Freude funktioniert wie sozialer Kitt: Haben wir bei einem Treffen mit einer anderen Person Freude empfunden, möchten wir mehr davon und freuen uns bereits aufs nächste Wiedersehen.
Die Freude gibt dem Leben also auch eine Richtung. Diese Richtung brauchen wir, um morgens aufzustehen. Einerseits. Und andererseits, um unsere eigene Geschichte zu erzählen. Unser Narrativ, wie man so schön sagt. Das Leben, das können wir von A nach B erzählen, – immer wieder unter anderen Aspekten, je nachdem, wie wir draufschauen. Aber unsere Schilderung braucht immer eine Richtung, wir können nicht kreuz und quer erzählen.
Die Freude, würde ich behaupten, hilft dabei, das Narrativ unserer selbst auszubauen, in dem wir eine Richtung haben, in die wir froh und interessiert steuern.
Die Schadenfreude ist eine zusammengesetzte Emotion, wie auch das noch nicht lange existierende «Fremdschämen». Es ist eine Freude, die entsteht, wenn jemandem etwas Unschönes passiert und man sich über diesen «Schaden» freut. Es geht dabei also um eine Emotion, die aufgrund einer Beobachtung ausgelöst wird.
Sie hat etwas Heimliches an sich und ist nicht warm wie die oben beschriebene Freude. Der Schadenfreude folgt häufig die Scham, weil man sich – wie Deine Frage andeutet – nicht unbedingt als schadenfreudig wahrnehmen möchte.
Ich glaube, dass auch die Schadenfreude verschiedene Anteile hat: da gibt es den Slapstick-Effekt: der Protagonist rutscht auf einer Bananenschale aus oder er bekommt eine Torte ins Gesicht geworfen, die Zuschauer lachen. Das Lachen kann aus Überraschung über die Absurdität des Geschehens oder auch als Erleichterung darüber verstanden werden, dass es einem nicht selbst passiert ist.
Dasselbe geschieht auch, wenn wir beim Kaffeeklatsch Geschichten weitentfernter Verwandter erzählen, denen ganz üble Sachen widerfahren sind (Hast du davon gehört? Einfach von der Leiter gefallen – und tot! Wie schrecklich!). Dabei kann es auf einer unbewussten Ebene auch darum gehen, das eigene Überleben zu erzählen und damit zu bestätigen, wie froh man ist, selbst von solchen Geschehnissen bewahrt zu sein.
Die andere Seite der Schadenfreude ist weniger eine des lauten Lachens, sondern eine der stillen Genugtuung: der pedantische Nachbar wurde von seiner Frau verlassen. Die ewig erfolgreiche Kollegin wurde nicht befördert. Der schnieke Politiker einer ungeliebten Partei wird wegen Veruntreuung aus dem Amt enthoben.
Die Schadenfreude laut zu äussern, gehört nicht zum guten Ton. Man will sich über dieses heimliche Gefühl keine Blösse geben. Denn – jetzt kommt der springende Punkt – das Gefühl hat etwas mit Rache zu tun. Rache als Wunsch nach einem gerechten Ausgleich, nach einer Balance in der Weltordnung mit nicht immer lauteren Mitteln.
Wie die Freude eine Einladung zu einem Narrativ ist, so ist es auch die Schadenfreude. Sie ist die Geschichte einer Genugtuung – jemand, den man nicht mochte, bekommt vom Leben seine gerechte Strafe. Das gute dabei: Als Schadenfreudige ist man in der Rolle der Beobachtenden. Man kann also nichts für den Schaden, ist fein raus und doch scheint die Welt gerechter als man es bisher vermutet, aber dennoch stets gehofft hat. Bei der Schadenfreude schwingt also auch Erleichterung mit.
Mit dem Wunsch nach einer gerechten Welt betone ich mehr die helle als die dunkle Seite der menschlichen Psyche. Ich möchte dabei aber auch bemerken, dass mit dem Wunsch nach einer schönen, gerechten oder wie auch immer «besser» gearteten Welt schon – weiss Gott – viele und grauenhafte Verbrechen begangen worden sind.
Was bei der Schadenfreude negativ auffällt, ist der Aspekt des Unempathischen. Da gibt es kaum einfühlendes Verständnis für den oder die Geschädigte, sondern dieses wird – vielleicht bewusst – ausgeblendet. Denn sonst wäre ja die heimliche Freude weg.
Der Mensch ist nicht nur ein nettes Geschöpf – das kann man tausendfach und täglich überall nachlesen, wo es News gibt. Es ist ein schmaler Grat zwischen der kleinen Genugtuung über den Ausrutscher einer Nervensäge und der fiesen, bösartigen Freude, die wir empfinden können, wenn jemandem Unheil widerfährt. Empathie zu üben ohne zum moralischen Superlangweiler zu werden – das ist allerdings auch ein schmaler Grat.
Was soll ich sagen – hier die Balance zu halten, ist ein Akt des täglichen Übens. Scheitern inbegriffen.
Herzlich!
Anja
Fabian Bernhard: Rache. Über einen blinden Fleck der Moderne. Berlin, 2021.
Ein Ausschnitt aus der Serie «Breaking Bad»: Walther White, ein Chemielehrer, der an Lungenkrebs erkrankt ist, begegnet einem Banker, dessen Weg er bereits zum zweiten Mal kreuzt und der laut hupend bei einer Tankstelle vorfährt – auf dem Nummernschild seines BMWs steht «Ken wins». Beim Zuschauen von Whites folgender Aktion stellt sich Schadenfreude ein. Eine Genugtuung, die durch die Musik betont wird. https://www.youtube.com/watch?v=KQGskfE25Xc