Linder liest

Auf Entzug

Den Laptop neben den Herd stellen, um beim Spaghetti-Kochen die Lieblingsserie weiterzuschauen? Keine gute Idee. Das weiss nun auch unser Kolumnist.
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Donnerstag, 03. September 2026

Mein Laptop ist kaputt. Wie ich diese Kolumne trotzdem schreiben kann, ist mir ein Rätsel. Was ist passiert? Hier die Version, die ich dem Techniker im Reparaturservice erzählt habe: «Ich sass unter freiem Himmel, als ein paar wenige Regentropfen auf die Tastatur fielen. Sofort stieg Rauch auf, es gab einen Knall, und seither geht gar nichts mehr.»

Tatsächlich hatte ich das Teil neben den Topf mit dem sprudelnden Spaghettiwasser gestellt, damit ich auch beim Kochen meine Lieblingsserie weiterschauen konnte. Dummheit muss bestraft werden. Aber doch nicht so. Ein Grossteil der Tasten hat danach seinen Geist aufgegeben. Das einzige Wort, das ich noch schreiben kann, ist «Genuss».

Der Laptop liegt jetzt in der Werkstatt. Als der Techniker ihn entschlossen unter den Arm klemmte und von dannen schritt, fühlte ich einen Stich in der Brust. Wie damals, als ich mich zu Beginn unserer Fernbeziehung am Bahnhof von meiner heutigen Frau verabschiedete: Würden wir uns wiedersehen?

Nun sitze ich im Garten und überlege, was ich jetzt mit meinem Laptop anstellen könnte. Interessante Google-Recherchen, auf die ich nun verzichten muss: Was wohl Russell Crowe gerade so macht? Lebt Pelé eigentlich noch? Und Uriella?

Oder ich denke an all die Dinge, die ich KI fragen könnte. Zum Beispiel, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Laptop, der mit ein paar Tröpfchen Wasser in Berührung geraten ist, vollumfänglich repariert werden kann. Oder wo ich wohne. Wie ich heisse. Wer ich bin!

Oder ich denke an einen Artikel, den ich, als mein Laptop noch funktionierte, auf SRF News gelesen habe. Es geht darin um den Zürcher «Offline Club», einen Quartiertreff, in dem Menschen zusammenkommen, um für zwei Stunden auf ihr Handy zu verzichten.

«Der Ablauf ist immer gleich. Eine Stunde Stille, dazu lesen oder basteln. Danach eine Stunde reden.» Ein Gong läutet die Stille ein. Die Journalistin schreibt: «Vor uns liegen Magazine, Sticker, Wasserfarben. Alles ist erlaubt.»

Der Weg zur Freiheit ist lang. Und auch ein bisschen lächerlich. Interessant finde ich, dass in dem Beitrag die Situation als Freiheit beschrieben wird, wo wir es hier doch mit einer krassen Infantilisierung des Erwachsenseins zu tun haben: zurück zur Kindheit mit ihren Regeln und Verboten.

Dazu gehört auch die Handyabgabe – eine Zwangsmassnahme, die im Moment an vielen Schulen besprochen wird. Es erscheinen dieser Tage viele Artikel darüber, dass die Menschen sich nach ihrer Kindheit sehnen, weil sie die Verantwortung, die das Erwachsensein mit sich bringt, nicht mehr ertragen.

Der Offline Club mit seinem Bastelangebot scheint diese Sehnsucht zu bedienen. Zumindest für zwei Stunden.

Was ich mich hierbei frage: Tragen die Menschen tatsächlich mehr Verantwortung als früher, oder können sie schlechter damit umgehen? Und welche Rolle könnten Handys dabei spielen? Doch dann schweifen meine Gedanken schon wieder ab: Wie oft hat Beat Breu wohl die Tour de France gewonnen?

  • bref Magazin - Nach dem Bergsturz

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