Anjas Mailbox

Meine Mutter will mit Exit sterben und hofft, dass wir, ihre Kinder, dabei sind.

Ich möchte das nicht, fühle mich aber moralisch verpflichtet.

Einem nahestehenden Menschen einen letzten Wunsch erfüllen oder auf seine Gefühle hören: Was ist stärker zu gewichten? (Foto: Anja Niederhauser)

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Dienstag, 18. August 2026

Vielen Dank für Deine Frage. Beim Lesen Deiner Zeilen konnte ich dein Dilemma spüren, dein Hin- und Hergerissensein. Das ist anstrengend und braucht viel Energie, weil viele verschiedene Gedanken und Gefühle im Wettstreit miteinander sind.

 Danke, dass Du die Frage stellst, ich stelle mir vor, dass Du durch eine schwierige Zeit gehst.

Bevor ich versuche, Deiner Frage nachzugehen, eine Bemerkung vorneweg:

Ich glaube, dass das Leben ein fundamentales Gut ist. Für uns Menschen ist es unabdingbar, dass wir für das Leben einstehen, es wertschätzen und es erhalten. Dennoch kann ein Mensch in einer Grenzsituation (der Ausdruck stammt vom Existenzphilosophen Karl Jaspers) Gründe dafür haben, die Beendigung seines Lebens in Betracht zu ziehen.

Diese Freiheit haben wir als Menschen geschenkt bekommen und ich glaube nicht, dass diese von Gott oder im Jenseits oder überhaupt bestraft oder sanktioniert wird. Gleichzeitig soll es ein Entscheid sein, der vor dem Hintergrund von Beziehung und Verbundenheit stattfindet: Das Umfeld muss danach mit diesem Entscheid – diesem Tod – leben.

Das Sterben Deiner Mutter ist ein einschneidender Abschied. Ihr Wunsch, dass Du bei ihrem selbstbestimmten Tod dabei bist, steht Deinem Widerwillen entgegen, sie auf diesem Weg zu begleiten. Was ist stärker zu gewichten?

Ich will versuchen, einer Antwort mit Fragen näherzukommen.

Was steht hinter dem Wunsch Deiner Mutter? Und was steckt dahinter, dass Du es Dir nicht vorstellen kannst, bei ihrem assistierten Suizid dabei zu sein?

Ich habe schon mit vielen Menschen gesprochen, die vorhatten, mit Exit zu sterben. Die meisten davon waren schwer erkrankt und hatten Angst davor, bei einem Weiterleben, ihre Schmerzen nicht aushalten zu können oder einen Tod zu sterben, vor dem sie sich fürchten. Viele von ihnen starben auf natürliche Weise im Spital und «brauchten» den assistierten Suizid nicht – er hatte ihnen aber als eine Art Versicherung geholfen, mit den sehr bedrohlichen inneren Bildern oder Prognosen umzugehen.

Manchen Menschen dient eine Anmeldung bei einer Sterbehilfeorganisation auch als eine Absicherung der letzten Autonomie: wenn ich nicht mehr will, dann gehe ich. «Einfach so» geht das allerdings nicht. Für das assistierte selbstbestimmte Sterben müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein.

Sterben durch assistierten Suizid wird von den Angehörigen sehr unterschiedlich aufgenommen. Vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, kann schmerzhaft sein, Gefühle von Einsamkeit oder auch Wut auslösen. Deshalb ist es gut, wenn man die Angehörigen möglichst in die Entscheidung miteinbezieht.

Zu wissen, wann der oder die Angehörige sterben wird, einen solchen Termin in die Agenda einzutragen, widerspricht uns zutiefst. Der Tod ist seit jeher der grosse Unbekannte. Mors certa, hora incerta – «der Tod ist gewiss, die Stunde ist ungewiss», wussten schon die Römer. Wie soll man sich also auf diesen Termin vorbereiten?

Vielleicht indem man die Chance wahrnimmt, bisher Unausgesprochenes zu formulieren, miteinander ins Reine zu kommen – soweit dies mit der je eigenen Vorgeschichte möglich ist. Miteinander darüber reden, wer was braucht, wer wovor Angst hat, wie man die letzten Momente gestalten kann.

Wahrscheinlich ist das die hohe Kunst, miteinander wirklich ins Gespräch zu kommen, die Nähe auszuhalten, die entsteht, und diesen Moment nicht als Schutz vor zu viel Emotionalem zu einem dramatischen Bühnenstück geraten zu lassen. Diese Gefahr besteht. Deswegen mein Rat: So verbunden wie möglich bleiben, auch wenn dies schmerzhaft und schwierig sein kann.

Ich kann Dir von Angehörigen erzählen, die bei einem assistierten Suizid dabei waren. Manche von ihnen sagten: «Ich bin im letzten Moment rausgegangen, konnte es nicht aushalten.» Andere: «Es war sehr schön zu sehen, wie friedlich er gestorben ist. Wir konnten uns bis zuletzt umarmen.»

Ich weiss nicht, warum Du nicht dabei sein willst, wenn Deine Mutter mit Exit aus dem Leben geht. Ist es der Entscheid selbst? Willst Du Deine Mutter nicht sterben sehen? Oder empfindest Du ihren Wunsch als übergriffig? Macht er Dir Angst? Hat Deine Mutter ihren Wunsch begründet? Was sagen Deine Geschwister?

Lass uns deine Frage mal von der anderen Seite betrachten: Angenommen, Du entsprichst dem Wunsch Deiner Mutter, welche Konsequenzen befürchtest Du?

Wenn Du ihr Sterben nicht begleitest: Hast Du Angst, Du könntest es bereuen?

Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte? Wie würdest Du damit umgehen können?

Du schreibst, dass Du Dich moralisch verpflichtet fühlst. Weil es hier um das Sterben Deiner Mutter geht, spielen bei dem Entscheid, vor dem Du stehst auch eigene oder fremde moralische Ansprüche eine Rolle: Was man als Tochter muss, soll oder darf. Das kann überfordernd sein und es zeichnet sich darin das existenzielle Dilemma zwischen Freiheit und Verbundenheit ab.

Deine Mutter kann autonom entscheiden, trotzdem ist sie nicht allein. Du selbst darfst autonom entscheiden, ob Du dabeisein möchtest oder nicht, trotzdem ist da der Wunsch Deiner Mutter. Was ist stärker zu gewichten?

Moralischer Druck kann auch durch spirituelle oder religiöse Vorstellungen entstehen. Gerade beim Thema Suizid. Hier kann es entlastend sein mit jemandem darüber zu sprechen und aufzudröseln, was für ein Menschen- oder Gottesbild dahintersteht.

Aus psychologischer Sicht möchte ich Dir folgendes antworten: Es lohnt sich, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wenn Du Deiner Mutter Deine Gefühle mitteilen und ihr sagen kannst, dass die Vorstellung, bei ihrem Sterben dabei zu sein, Dir nicht guttut. So kannst du herausfinden, ob es eine Möglichkeit gibt, dass ihr aufeinander zugehen könnt. Du könntest ihr zum Beispiel vorschlagen, dass Du an ihrem Sterbetag bei ihr bist, das Zimmer aber verlässt, bevor sie das Pentobarbital einnimmt.

Ein letzter Gedanke: Es ist möglich, jemanden zu lieben und trotzdem nicht beim assistierten Suizid dieser Person dabei sein zu wollen. Das ist ok.

Herzlich, Anja

Hier können Sie Ihre Frage einreichen:

E-Mail an anja@brefmagazin.ch