Als wir um 6 Uhr aufwachen, schnarchen noch zwei, drei Männer, alle anderen Matratzen sind leer, die Pilger weitergezogen. Moamel, mein irakischer Guide, packt hastig seinen Rucksack. Ich trete in die kühle Morgenluft der mesopotamischen Wüste hinaus und reibe mir die von der Klimaanlage verkrusteten Augen. Die Luft riecht nach Staub. Vor mir donnern Lastwagen über eine Schnellstrasse. Auf einem breiten Weg dahinter bilden Menschen in schwarzen T-Shirts, Ganzkörperschleiern, Fahnen und Bannern einen dunklen, mächtigen Strom, der durch die Kühle des Morgens zieht.
Für mich, der in katholischen Kirchen aufgewachsen ist, hat dieser Menschenstrom etwas Biblisches. Wir sind am Vorabend in Nadschaf aufgebrochen. Um Mitternacht, als wir uns schlafen legten, zogen die Menschen durch die Wüste, und jetzt, als wir aufwachen, sind sie immer noch da, wie ein Naturphänomen. Abermillionen, die sich von einem Horizont zum anderen erstrecken, verbunden durch ein gemeinsames Ziel. Umz, umz, umz, geben Techno-Beats den Menschen den Takt vor, Männerhände schlagen sich im Rhythmus der Bässe auf die Brust.
Ich könnte einer von ihnen sein. Als italienischer Konvertit, seit inzwischen vier Jahren schiitischer Muslim, bin auch ich unterwegs zum wichtigsten schiitischen Heiligtum, dem Imam-Hossein-Schrein in Kerbela. Aber mich in den Strom der Gläubigen einzugliedern, mich von ihm fortspülen zu lassen, Teil von etwas Grösserem zu werden, fühlt sich merkwürdig an. Etwas in mir sträubt sich.
«Ya Allah, bei Gott! Wir müssen los», drängt Moamel. Über den Köpfen der Menschen steigt langsam, aber unaufhaltsam ein roter Feuerball in die Höhe und taucht die Wüstenlandschaft mit ihren verdorrten Äckern und reich bestückten Dattelpalmen in ein mystisches, oranges Licht. 49 Grad im Schatten sollen es heute werden, ein Backofen unter freiem Himmel. Wir haben nur noch zwei oder drei Stunden Zeit, bis die Hitze unerträglich wird.
Mehr als 21 Millionen Schiiten machen sich auf den Weg
Die Hadsch nach Mekka ist die wichtigste muslimische Wallfahrt, die Arbain-Wallfahrt die grösste. Mehr als 21 Millionen Schiiten kamen 2025 laut der Schreinverwaltung in Kerbela innerhalb weniger Tage zusammen. Manche kommen aus Baghdad, manche aus dem Norden, manche aus der syrischen Wüste im Westen. Die meisten aber treffen sich am Imam-Ali-Schrein in der heiligen Stadt Nadschaf, im Süden, und gehen 80 Kilometer zu Fuss durch die Wüste, bis zum Imam-Hossein-Schrein in der heiligen Stadt Kerbela.
Und das im Hochsommer im Irak, an einem der heissesten bewohnten Orte der Erde. Anlass ist das Trauerfest Arbain, es markiert den 40. Tag nach dem Todestag des schiitischen Heiligen und Enkel des Propheten Mohammed Imam Hossein, der vor rund 1400 Jahren in der Schlacht von Kerbela fiel.
Ich erinnere mich an Horrorvideos aus Mekka. Menschen siechen in der Hitze, unter der offenen Sonne dahin – im Juni 2024 starben mindestens 1300 Pilger. Wie wird es im Irak sein, wo es noch heisser ist und ein Vielfaches an Menschen zusammenkommt, Millionen, gekommen aus Iran, den USA, Pakistan, Indien, Afghanistan, Jemen, Australien, Kanada, auch aus Europa, unter ihnen Kinder, Kranke und Alte. Sie alle brauchen Wasser, Nahrung, Toiletten, Schlafplätze, Abkühlung – und das in einem kriegsversehrten Land, das für Korruption und marode Infrastruktur bekannt ist. Ganz abgesehen von den Menschenmassen auf engstem Raum: Was, wenn es zu einer Massenpanik kommt?
Mückenspray, Magentabletten und Trekkinghut
Als ich meine Sorgen im Flugzeug von Frankfurt nach Nadschaf mit anderen Pilgern teilte, versicherten sie mir mit mitleidigem Lächeln: «Du musst dich nur mit Imam Hossein verbinden, dich seinem Schutz anvertrauen. Dann wird dir nichts passieren.» Ich fühlte mich entlarvt. Ich vertraue lieber auf gute Technik und lückenlose Ausrüstung. Im Gepäck habe ich Mückenspray, Magentabletten und einen neuen Trekkinghut mit einem inneren Schweissband und Seitenklappen für mehr Schatten.
Eine gute Kopfbedeckung ist hier überlebenswichtig, das bestätigt auch Moamel. Er trägt, wie viele andere Pilger, ein rot-weiss kariertes Tuch und reagiert verwundert, als ich ihm erkläre, dass es in Europa als Palästinensertuch bekannt ist und als politisches Symbol gelesen wird. Das Tuch sei ein hervorragender Sonnenschutz und stamme laut der örtlichen Überlieferung aus der benachbarten Stadt Kufa, klärt Moamel mich auf. Daher sein Name: Kufiya. Er hat es so um seinen Kopf gewickelt, dass von seinem Gesicht nur noch die Augen zu sehen sind.
Moamel ist kein religiöser Mensch. Als ich ihn vor meinem Abflug fragte, was ich ihm mitbringen könne, sagte er, eine Flasche italienischer Wein wäre wunderbar. Trotzdem fühlt er sich auf der Pilgerwanderung zu Hause, er geht fast jedes Jahr mit, grüsst unterwegs nach links und rechts. An normalen Tagen arbeitet er als Sales-Manager in der irakischen Niederlassung eines chinesischen Smartphone-Herstellers, aber jetzt nutzt er seine Arbain-Ferien, um sich als Freiwilliger zu engagieren. Vor unserem Aufbruch bereitete er mehrere Tage lang in medizinballgrossen Kesseln Speisen für die Pilger zu. «Das ist besser, als Reels in Endlosschleife zu schauen und sich nutzlos zu fühlen», sagt er.
Zur Kufiya trägt Moamel ein schwarzes T-Shirt und schwarze Hosen. Fast alles auf dieser Pilgerwanderung ist schwarz, die Kleidung der Pilger, ihre Fahnen und Banner, die Aussenverkleidung der Freiwilligenstände – ein Ausdruck der Trauer um Imam Hossein. Während ich mit meinem Sonnenhut und der beigen Trekkinghose auffalle wie ein buntes Osterei. Die Frage nach meiner Herkunft ist folglich die erste in jeder neuen Konversation. Sobald man meine Antwort hört, strahlen die Augen vor Gastfreundschaft. «Willkommen, willkommen!» Auch die zweite Frage ist verlässlich immer dieselbe: «Muslim? Christ?» Und noch immer bringt sie mich in Verlegenheit.
Plötzlich Muslim
Es war der 3. Juni 2021. Ein mit Teppichen ausgepolstertes Büro in der zentraliranischen Millionenstadt Isfahan. Vor dem Eintreten mussten meine Verlobte und ich die Schuhe ausziehen. Ich spürte einen Kloss im Hals. Es war wie die Angst, beim Schummeln aufzufliegen. Der Mullah mit den kleinen, strengen Augen wollte es jetzt noch einmal genau wissen: «Konvertieren Sie, weil Sie von Herzen den Islam lieben? Oder machen Sie das nur, um heiraten zu dürfen?»
Meine heutige Frau und ich waren damals seit vier Jahren zusammen, lebten und studierten gemeinsam in Europa. Regelmässig flogen wir in ihre Heimat Iran, besuchten ihre Familie, die aufgeschlossen ist und unsere Beziehung von Anfang an guthiess, reisten quer durchs Land und machten Ferien, zogen in der Hauptstadt Teheran von Hausparty zu Hausparty, tanzten mit persischem Hüftschwung und tranken hausgemachten Maulbeerenschnaps.
Doch genauso wie der Schnaps war auch unsere Beziehung offiziell verboten: Die Scharia-Gesetze, die nach der islamischen Revolution 1979 in Iran eingeführt wurden, sehen für eine voreheliche Beziehung zwischen einer Muslimin und einem Nichtmuslim für den Nichtmuslim, also für mich, die Todesstrafe vor. Das wurde uns auf die Dauer zu riskant, also beschlossen wir, zu heiraten. Dafür musste ich, der Nichtmuslim, aber zum Islam konvertieren.
«Natürlich von Herzen», log ich. Der Mullah nickte zufrieden. Endlich ein Christ, der kapiert hat, dass dieses ganze Gedöns mit der Dreifaltigkeit Gottes keinen Sinn ergibt. Danach ging es ruckzuck. Der Mullah rezitierte ein paar Sätze auf Arabisch, langsam und Wort für Wort, ich wiederholte sie. Der wichtigste Teil war die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis: «Es gibt keinen Gott ausser Allah, und Mohammed ist sein Prophet.» Ich wiederholte. Wieder nickte der Mullah zufrieden. Und dann war es schon vollbracht, ich war jetzt Muslim.
In Europa wurde ich daraufhin oft gefragt, wie ich so leichtfertig zu einer anderen Religion hatte konvertieren können. War das nicht Verrat an meinen Wurzeln?
Zum Zeitpunkt der Konversion war ich längst kein praktizierender Christ mehr. Als Kind betete ich mit meinen Grosseltern noch täglich den Rosenkranz, doch dann traten im Gymnasium Spinoza, Nietzsche und Camus an die Stelle der Kinderbibel. In Italien gibt es keine Kirchensteuer, und das Austreten ist ein langwieriger Prozess – so wurde aus mir eine Karteileiche in den Verzeichnissen der römisch-katholischen Kirche. Von da an war es zum Muslim auf Papier kein grosser Schritt mehr. Jetzt gehörte ich offiziell gleich zwei Religionen an, ohne an sie zu glauben.
Ein Stück Himmel auf Erden
Meine muslimischen Freunde in Deutschland machte meine Konversion dennoch hoffnungsfroh. «Wenn du nur genug über den Islam erfährst, wirst du ihn irgendwann nicht nur auf dem Papier, sondern auch mit dem Herzen annehmen», sagten sie. Nach dem Judentum und dem Christentum sei der Islam sozusagen Gottes letztes Update an die Menschen. Er würde alle Fragen beantworten, für alles eine Lösung kennen, keinen Zweifel übrig lassen.
Dann erzählten mir die Schiiten unter ihnen zum ersten Mal von Kerbela im Irak. Der Ort sei ein Stück Himmel auf Erden und die Pilgerwanderung an Arbain der spirituelle Höhepunkt im Leben eines Schiiten. Auch ich sollte einmal daran teilnehmen, sagten meine Freunde immer wieder. Es sei völlig egal, ob man als Christ, als Muslim, als Jude oder gar als Atheist hingehe, nur das Menschsein zähle. Denn Imam Hossein habe sich für universelle Werte wie Gerechtigkeit und Freiheit geopfert. Ich hörte ekstatische Sätze wie: «Was du dort erleben wirst, ist nichts als Liebe.»
Apropos Liebe, eigentlich hätte ich die Reise gerne mit meiner Frau gemacht. Doch ihre Antwort war endgültig: «Ohne mich! Ich bin mit diesem religiösen Zirkus aufgewachsen. Da muss ich es mir nicht auch noch antun, pilgernd bei 50 Grad Hitze im schwarzen Tschador zu ersticken.»
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