
Es ist ein bemerkenswerter, scheinbar paradoxer Satz, der als Titel für den Auswahlband von Dieter Fringelis Lyrik ausgewählt wurde. «das leben gefällt mir / auch ohne mich»: Das sind die zwei Schlusszeilen eines Gedichts aus dem letzten Gedichtband. Das fertige Manuskript lag säuberlich geordnet und paginiert in seiner Schublade, als der Schweizer Germanist, Kritiker und Schriftsteller Dieter Fringeli 1999 im Alter von 56 Jahren seinem Krebsleiden erlag, und wurde posthum veröffentlicht.
Bevor der Sprecher des Gedichts zu dieser überraschenden Feststellung kommt, wird heftige Gesellschafts- und Religionskritik betrieben. «das wissen überfüttert / du hörst die eigene stimme nicht», so hebt der Text an und lässt zurückblicken auf Fringelis früheres Werk, in dem er sich gängige Redensarten und Floskeln in leichtem, neckischem Ton zur Brust nahm. «Ich schaue den Sprichwörtern / Aufs Lügenmaul», so beschrieb er in einem frühen Gedicht sein poetisches Programm.
Üblicherweise sind Wortmeldungen mit Wissen unterfüttert. Doch in dieser Passage, die eine Skepsis gegenüber der Wissensgesellschaft andeutet, ist jemand überfüttert, ob der Sprecher oder das Wissen, bleibt offen – wie vieles andere in diesem Text, der wie ein Telegramm kurzatmige Phrasen aneinanderreiht. Als Folge der Überfütterung hört sich nun das Ich selbst nicht mehr.
Während der Himmel baufällig ist, und die Jenseitsperspektive also getrübt, macht sich unter seinem morschen Dach eine heuchlerische Schwundstufe des Christentums breit. «wer / ans gute glaubt hat / mehr vom sterben»: Ein zynischer, bitterer Satz für einen Sterbenden, der doch in aller Regel lieber mehr vom Leben haben möchte.
Was darauf folgt, kann als donnernde Predigt auf die drei christlichen Tugenden nach dem berühmten Wort des Paulus verstanden werden: Glaube, Liebe, Hoffnung. Während die Liebe verarmt und verkümmert, wird der Glaube zur Ware und Dekoration. Die Hoffnung wiederum wird zum weltlichen Ehrgeiz pervertiert.
In diesen für ihn ungewöhnlich bitteren gesellschafts- und religionskritischen Zeilen zeigt Fringeli eine Seite, die möglicherweise in Zusammenhang mit beruflichen, persönlichen und gesundheitlichen Rückschlägen steht, die er in seinem letzten Lebensjahrzehnt erlitten hatte. Nach einer gescheiterten Beziehung und dem Wegfall seiner Redaktorenstelle lebte er zurückgezogen und konnte gesellschaftlich nicht mehr Tritt fassen.
Nach diesem priesterlich ermahnenden Mittelstück des Gedichts wendet sich das Textsubjekt sich selbst zu und ändert den Tonfall. Es legt sich in den eigenen Windschatten, genügt und tröstet sich also selbst. Und lässt die Dinge los, die den Lauf der Dinge doch nicht zu ändern vermögen.
Dank der selbstberuhigenden Wirkung dieser kleinen Meditation hört der Sprecher nun im Angesicht der eigenen Auslöschung doch wieder seine eigene Stimme. «das leben gefällt mir / auch ohne mich», sagt sie. Der Himmel mag baufällig sein und die Erde dekadent. Und doch ist das Leben schön, selbst nach dem Tod des Selbst, dem diese Schönheit gefallen kann. Eine Einsicht von transzendentaler Grosszügigkeit, die einen Versöhnungsprozess andeutet. Wer so denken kann, hat gewissermassen tatsächlich etwas vom Sterben.
Seit 1999 dreht die Welt ohne Dieter Fringeli weiter, der nicht nur selbst gedichtet, sondern als Kritiker und Herausgeber viel für die Schweizer Literatur getan hat. Doch nicht ohne seine Poesie, die weiterlebt, nicht zuletzt dank der von Rudolf Bussmann herausgegebenen Neuausgabe ausgewählter Gedichte aus seinem Werk, «das leben gefällt mir / auch ohne mich».
Dieter Fringeli, «das leben gefällt mir auch ohne mich. Ausgewählte Gedichte», herausgegeben von Rudolf Bussmann, Wallstein 2026, 272 Seiten.