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Donnerstag, 18. Juni 2026

Das Fotografiegedächtnis der Schweiz lagert in Winterthur. Es zeigt vor allem, worauf Männer fokussieren: Von den 160 Archiven, welche die Fotostiftung Schweiz im Auftrag des Bundesamtes für Kultur betreut, umfassen nur gerade 26 Arbeiten von Frauen, das sind 16 Prozent. Was in diesen Beständen lagert, hat die Öffentlichkeit lange nicht zu sehen bekommen – zu wenig umfangreich, zu lückenhaft, hiess es oft, wenn die Idee aufkeimte, mit Fotografien aus einem der 26 Archive eine monografische Ausstellung zu gestalten.

Um diese Lücke zu schliessen, richtete ein Kuratorinnenkollektiv der Fotostiftung diesen Frühling den Scheinwerfer auf sieben Archive von Fotografinnen. In der Ausstellung «Frauen. Fragen. Fotoarchive» zeigte es Bilder von Anny Wild-Siber, Gertrud Dübi-Müller, Marie Ottomann-Rothacher, Margrit Aschwanden, Hedy Bumbacher, Leni Willimann-Thöni und Anita Niesz.

Die Schau, die sich auf die Zeitspanne von 1900 bis 1970 konzentrierte, verknüpfte das Werk der Fotografinnen mit den Ereignissen dieser Jahrzehnte: der noch jungen Fotografie, den beiden Weltkriegen, der Frauenbewegung, die 1971 zur Einführung des Frauenstimmrechts führte – und dem Selbstverständnis der damaligen Gesellschaft. Diese sah die verheiratete Frau vornehmlich zu Hause, am Herd und bei den Kindern – auch wenn sie eine Ausbildung und einen Beruf hatte.

Entwickeln, retuschieren, drapieren

Die Fotografie galt seit ihren Anfängen als geeignet für Frauen. Das Handwerk erforderte nicht viel körperliche Arbeit, und in der Bildnachbearbeitung waren Fingerspitzengefühl, Geduld und Genauigkeit gefragt. Eigenschaften, die man eher den Frauen zuschrieb. Dennoch waren sie deutlich in der Minderheit. Eine Zählung, durchgeführt im Rahmen der ersten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (Saffa) 1928 in Bern, ergab, dass von den 1490 Beschäftigten in Schweizer Fotoateliers 313 Frauen waren, nicht mal ein Viertel.

Viele von ihnen erledigten vor allem Hintergrundarbeiten. Sie entwickelten Filme, retuschierten Bilder und drapierten Personen und Sujets vor der Kamera. Manche hörten mit Arbeiten auf, nachdem sie geheiratet hatten und Mutter wurden. Andere stellten ihr Schaffen in den Hintergrund und unterstützten stattdessen die Arbeit ihrer Männer oder Brüder.

Leni Willimann-Thöni (1918–2002), die in den 1930er-Jahren wie später auch Anita Niesz (1925–2013) die noch junge Fotofachklasse der Kunstgewerbeschule Zürich besuchte, und mit «Muscheln. Ein Wegweiser zu ungeahnten Sammlerfreuden» einen Fotoband im Stil der Neuen Sachlichkeit schuf, fotografierte häufig für ihren Ehemann, den Typografen Alfred Willimann.

Margrit Aschwanden (1913–2004) führte nach ihrer Fotografinnenlehre das Fotoatelier ihres Bruders, als dieser 1939 in den Aktivdienst einrücken musste; nach der Heirat mit dem Fotografen Jakob Tuggener managte sie dessen Arbeit und das Labor, selbst fotografierte sie kaum noch.

Im Stil der Neuen Sachlichkeit: Muscheln (Isocardia cor). Fotografie von Leni Willimann-Thöni, ca. 1960 (Bild: ©Leni Willimann-Thöni / Fotostiftung Schweiz).

Wie Aschwanden macht auch Marie Rothacher eine Fotografinnenlehre. 1931 startet sie die Ausbildung in einem Atelier am Zürcher Limmatquai. Drei Jahre später notiert ihre Lehrmeisterin im Abschlusszeugnis: «Da sie der Fotografie nicht nur Interesse, sondern auch Verständnis entgegenbringt, ist Maria Rothacher für diesen Beruf wie geschaffen.»

Die solchermassen Belobigte wird später sagen, ausser Ausflecken und Retuschieren habe sie nicht viel gelernt. Ihr Können eignet sie sich selbst an, sie liest viel Fachliteratur und besucht den Lehrgang für Fotografinnen an der Zürcher Kunstgewerbeschule. In ihrer ersten Anstellung nach der Lehre arbeitet sie als Fotolaborantin, zudem steht sie ihren Arbeitgebern regelmässig Modell, wenn sie Werbeaufnahmen machen, für die SBB oder für Schönheitssalons.

Erste Auftragsarbeiten

An ihren freien Tagen geht sie auf Spaziergänge, sie hat sich eine Rolleiflex gekauft und beginnt, Landschaften zu fotografieren. Die Aufnahmen reicht sie bei einem Wettbewerb von Pro Juventute ein, gewinnt eine Auszeichnung und bekommt vom Kinder- und Jugendhilfswerk erste Auftragsarbeiten.

Es ist die Zeit der Geistigen Landesverteidigung, Werte, die als schweizerisch gelten, haben Hochkonjunktur. Die Schweizer Landschaft gilt als solcher, als Symbol der Unantastbarkeit.

bref+

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