Stellen Sie sich vor, was für ein Wunder: Anstatt die Sicht aus dem Fenster seines Ateliers mit Stift oder Pinsel auf Papier zu zeichnen, platziert ein Mann eine Schachtel auf dem Fenstersims. Vorne, zum Hof gerichtet, hat diese ein Loch, in das eine Linse eingepasst ist. Im Innern dieser Camera obscura, an der Rückwand, steht eine Zinnplatte, auf die der Mann eine Schicht Bitumen aufgetragen hat – eine klebrige Masse aus Erdöl.
Ohne sie noch einmal zu berühren, lässt der Mann die Schachtel am Fenster stehen, acht oder zehn Stunden lang, heute sagen manche, es müsse noch länger gewesen sein, wohl mehrere Tage.
Nach Stunden – oder Tagen – öffnet er die Schachtel. Es sieht darin alles noch so aus wie zuvor. Doch der Künstler hofft, dass das Bitumen dort getrocknet ist, wo durch die Linse Sonnenlicht auf die Rückwand der Schachtel gefallen ist. Und wo nicht, müsste das Mineral weich und frisch geblieben sein.
Das ist die Theorie des Mannes. Um sie zu beweisen, benötigt er eine Schale und eine Flasche Terpentin.
Der Mann heisst Joseph Nicéphore Niépce. Im französischen Dorf St-Loup-de-Varennes steht er im Dachstock seines Landhauses Le Gras in seinem Arbeitszimmer und wäscht vorsichtig mit Terpentin das weiche Bitumen von der Zinnplatte – das getrocknete nicht, sonst wäre die Arbeit umsonst gewesen!
Schliesslich hält Niépce die Platte hoch und schräg ins Licht und sieht darauf, links, die Fassade eines Flügels seines Landhauses. In der Mitte das Dach des niedrigen Schuppens, und rechts spitzelt der andere Flügel von Le Gras ins Bild.
Joseph Nicéphore Niépce hat die Fotografie erfunden, oder wie er sagt: die Heliographie. Von Helios, Sonne. Mit der Sonne gezeichnet statt mit Pinsel oder Stift.
Niépce’ Idee: Fortan soll man Bilder aus der Schachtel direkt auf der Zinnplatte betrachten können, oder man macht einen Abdruck auf Papier. Einen Abzug. Das Motiv wird so unendlich reproduzierbar.
Doch an diesem Tag im Jahr 1826 ist die Heliographie dafür noch nicht deutlich genug. Gleichwohl reist er nach England, um seine Heliographien der Royal Society in London zu zeigen. Diese ist an einer Präsentation jedoch nicht interessiert. Niépce zeigt die Bilder einem Freund in London und lässt sie in dessen Obhut.
Niépce und Daguerre – zwei Männer tun sich zusammen
Zwei Jahre später hält Niépce denselben Blick aus dem Atelierfenster in St-Loup-de-Varennes nochmals fest – diesmal auf einer Kupferplatte – und schickt die Heliographie an den Dioramen-Maler Louis Daguerre in Paris. Der verwendet seinerseits seit Jahren die Camera obscura als Zeichenhilfe.
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