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Ich fühle mich immer häufiger einsam. Was kann ich dagegen tun?

Manchmal wollen wir allein sein, brauchen Ruhe und ziehen uns ins Schneckenhaus zurück. Doch wir sind soziale Wesen, wir brauchen Resonanz. Die können wir uns nicht selbst geben. (Collage Anja Niederhauser).

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Dienstag, 07. Juli 2026

Vielen Dank für Deine Frage. Einsamkeit ist ein grosses Wort. Wohl alle von uns haben das Gefühl schon mal erlebt. Es ist deshalb kein Zufall, dass die Literatur über das Alleinsein einen ziemlichen Boom erlebt. England und Japan haben sogar Ministerien zur Bekämpfung von Einsamkeit gegründet.

Aber zurück zu Deiner Frage: Was genau meinst du mit Einsamkeit? Sprichst Du von der grundlegenden existenziellen Einsamkeit? Davon, dass Du manchmal einen unüberbrückbaren Abgrund zwischen Dir selbst und anderen oder gar der ganzen Welt wahrnimmst?

Und auch davon, dass du am Schluss – wie wir alle – allein sterben musst, auch wenn jemand an deinem Bett sitzt und dir vielleicht die Hand hält. Hinübergehen, wohin auch immer, müssen wir alle allein.

Oder fühlst Du Dich allein, weil es um dich keine Menschen gibt, mit denen du dein Leben und alles, was dich bewegt, teilen kannst? Dann würde man von einer sozialen Einsamkeit sprechen.

Ich möchte gern zu beidem etwas schreiben, denn es hat miteinander zu tun.

Jemand, der seinen Partner verloren hat, und den ich schon eine Weile durch seine Trauer begleite – nennen wir ihn K. –, war während der letzten drei Jahre nicht nur allein, sondern auch einsam.

Das Alleinsein störte ihn nicht: er braucht viel Zeit für sich, um sich zu «büschelen», um mit dem Hund rauszugehen (ein sehr süsser Jack Russel Terrier) und gut zu sich zu schauen (er hat eine chronische Schmerzerkrankung). Aber dass da niemand ist, mit dem er teilen kann, was ihn beschäftigt und dass er mit niemandem lachen und weinen kann, das hat ihn sehr mitgenommen.

Seine Schmerzen wurden stärker und sein Blick auf die Menschheit immer kritischer. Das Leben war im wahrsten Sinne des Wortes schwer geworden.

Bekanntschaften auf dem Friedhof (man sprach über Blumenschmuck und natürlich über den Verlust, den man erlitten hat) versandeten. Dating-Apps sorgten für Frust. Wie da wieder rauskommen?

Seine Gedanken kreisten um den Verlust des Partners, seine Einsamkeit und die Enttäuschungen, die er in den vergangenen Monaten mit neuen Bekanntschaften hatte erfahren müssen. All das schauten wir immer wieder miteinander an und diskutierten darüber, welche Aktivitäten ihm guttun könnten. Nichts schien zu helfen.

Vor einer Weile aber bemerkte ich erstmals eine Veränderung. K. war entspannter, er lachte häufiger, sein Blick war direkter und unsere Gespräche fühlten sich leichter an. Bei der letzten Sitzung nun erzählte er mir, er stelle seine Wohnung um. Er habe Schränke gekauft und räume auf. Ein alter Freund, zu dem er seit Jahren einen losen Kontakt pflegt, hilft ihm dabei. Und er geht wieder ins Gym, der Sport dort hat ihm früher immer gutgetan.

What happened? Beim regelmässigen Besuch des Grabs auf dem Friedhof hatte K. jemanden getroffen, der auch einsam war. Sie kamen ins Philosophieren und begannen sich anzufreunden. Nun gehen sie jede Woche zusammen auf einen Kaffee oder zum Zmittag.

Es ist manchmal schwierig zu sagen, was eine Veränderung bewirkt. Im Fall von K. habe ich das Gefühl, dass die Beschäftigung mit dem Verlust und seinen eigenen «Baustellen» dazu geführt hatte, dass er beschloss: Ich räume auf!

Während des Sortierens öffnete sich in ihm etwas, das es ihm ermöglichte, wieder mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ihm guttun, er kann sich wieder zeigen.

Hier, im Sich-Wieder-Zeigen-Können, im Kontaktaufnehmen, sehe ich eine Überschneidung zwischen der Einsamkeit, die wir erleben, wenn wir zu wenig Kontakt mit anderen haben und der existenziellen Einsamkeit.

Manche Menschen erleben in ihrem Leben Phasen, in denen es ihnen schwerfällt, mit anderen in Beziehung zu sein. Die Frau, bei der ich eine Ausbildung im Waldbaden gemacht habe, erzählte mir, dass sie sich in einer schweren Krise nur noch mit Bäumen verbunden gefühlt habe. Nur unter ihnen fühlte sie sich sicher: Bäume bewerten nicht, sie sind einfach da und lassen einen sein wie man ist.

Und genau diese Erfahrung, sich mit einem «Wesen» zu verbinden, ohne bewertet zu werden, hätte ihr geholfen, mit der Zeit auch wieder mit Menschen in Kontakt zu kommen. Sie hatte erst die existenzielle Isolation überwinden müssen, bevor sie die zwischenmenschliche angehen konnte.

Immer wieder höre ich von einsamen Menschen, dass sie sich verpflichtet fühlen, sich in Selbstliebe und Selbstfürsorge zu üben. Sobald sie das könnten, bekommen sie von anderen zu hören, wären sie auch mit sich allein oder sogar in der Einsamkeit zufrieden. Das Alleinsein müsse halt einfach geübt werden. Solche Sätze regen mich auf!

Es stimmt, sich so weit wie möglich selbst zu regulieren, in dem man überlegt, was einem hilft oder helfen könnte, wenn man traurig, wütend oder unruhig ist, ist eine gute Sache und das muss man tatsächlich üben, sonst ist das Leben ziemlich anstrengend.

Aber Selbstliebe und Selbstfürsorge ersetzen nicht das Gespräch mit einem Gegenüber und auch nicht die Zuwendung oder die Umarmungen, die wir von anderen bekommen.

Wir sind soziale Wesen und als solche brauchen wir Resonanz. Die können wir uns nicht selbst geben. Wer anderes behauptet, erzählt Quatsch und setzt Menschen unter Druck, die schon genug Stress damit haben, dass sie einsam sind. Nun sollen sie sich auch noch selbst optimieren und ihre Einsamkeit als Aufgabe für mehr Selbstfürsorge nutzen?

Nein. Es gibt keine Pflicht zu irgendeiner Art dieser trendigen Selbstoptimierung. Ich sage dir das, um dich zu entlasten, falls du Druck spüren solltest.

Du willst wissen, was du gegen das immer häufiger auftretende Gefühl der Einsamkeit tun kannst. Den einen Tipp, den gibt es nicht. Ich möchte dir aber zwei Fragen mitgeben:

An welchem Ort fühlst Du Dich wohl und kannst allein zur Ruhe kommen?

Womit und mit wem fühlst Du Dich verbunden?

Ich grüsse Dich herzlich

Anja

Zum Weiterlesen

Verena Steiner: «Solo». Mit diesem Buch hat die Autorin einen Bestseller gelandet. Es  ist voller Tipps und Tricks fürs Unterwegssein allein.  Sehr praktisch.

Daniel Schreiber: «Allein». Eine literarische Annäherung ans Thema. Ich mag das Buch, es hat etwas Zartes.

Zum Nachsinnen

Haiku von Kobayashi Issa:

Katatsumuri

Sorosoro nobore

Fuji no yama

 

Die kleine Schnecke

Ganz langsam steigt sie hinauf

Auf den Berg Fuji.

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