Andere auf der Party gingen gesellig von Gruppe zu Gruppe und maximierten Frohsinn, während ich den Gastgeber in eine dunkle Ecke gedrängt hatte und ihn mit interessanten, aber unangenehmen Fragen zu seiner Ehekrise deprimierte.
«Warum nur klammern wir, wenn wir uns trennen müssten?», fragte ich.
«Ich würde gern zu meinen Gästen im Garten zurück gehen», flehte er.
Dabei wäre ich so gern anders. Gelassen statt grübelnd. Intuitiv positiv statt spontan negativ. Ich wäre so gern die Ermutigung in schweren Zeiten. Die Unbekümmertheit an trüben Tagen. Das leichte Wort für die, die schweren Herzens sind. Ich wäre gern der Strahl der Hoffnung, der dunkle Wolken vertreibt. Der Enthusiasmus, der den Nebel bunt malt. Aber nein. Ich bin die Tristezza, die erträgliche Unleichtigkeit des Seins, die fünfzig Schattierungen der Grundfarbe Blau.
Traurig sein, ohne zu wissen, warum. Was für eine spröde Angewohnheit. Wieso nicht mal glücklich sein, ohne zu wissen, warum?
Haben Sie sich auch schon vorgestellt, wie es wäre, wenn Sie sich in eine komplett andere Person verwandeln könnten? Als Kind erträumten wir uns vielleicht Superkräfte – Fliegen können, unsichtbar sein, Gedanken lesen, Unsterblichkeit. Als Erwachsener würde mir ein heiteres Temperament längst reichen.
Immer, wenn ich Sorgen oder Ärger habe, denke ich nach. Ich denke ziemlich viel nach.
Vielleicht denke ich nur nach, um nicht zu viel zu erleben? Man solle an einem Tag nicht mehr erleben, als man aufschreiben könne, notierte der schottische Schriftsteller James Boswell in sein Tagebuch. Was, wenn er falsch lag? Was, wenn man die Sache nur umkehren muss? Voll Karacho drauflos mit dem Erleben, um nicht zu viel nachzudenken?
An einem ordinären Mittwoch drehte ich die Sache um. Mal nicht nach Innen, sondern nach Aussen schauen! Mal den Tag nicht wie eine Denkaufgabe angehen, sondern Sensationen sammeln! Die Wasserstrahlen unter der Dusche, der salzgebutterte Toast, was Farbiges anziehen!
Ich winkte den Landschaftsgärtnerinnen in den Bäumen zu und fragte die Bauarbeiter munter, ob ich mitschaufeln darf.
Ich will Sie nicht mit Banalitäten langweilen, Sie verstehen schon, wie’s gemeint war: Die kleinen Freuden. Vergiss Sonnenschein, ich bin Sonnenschein.
Projekt besprechen im Parterre, Picknick beim Glasbrunnen, Kaffee im «Sattler» … Ich war die Berner Amélie in einem fabelhaften Länggass-Quartier. Falls ich Dummheiten sagte, falls ich stolperte oder etwas verschüttete, dann bemerkte ich es nicht, selbstvergessen wie ich war. Mein melancholisches Ich blieb stumm. Es würde früh genug wieder darüber brüten, was wie und warum geschieht.
Doch bereits am Abend fiel ich in meine Werkseinstellung zurück. Als sich der nächste Gastgeber vor Begeisterung überschlug, fragte ich: «Könnt ihr euch diese Party überhaupt leisten? Was sagt denn deine Frau dazu, dass du am Hochzeitstag auf diesen Segeltrip gehen willst?»
«Lass mich kurz …«, begann er und liess mich in der dunklen Ecke stehen.