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Text und Bilder: Ina Bacher*
Donnerstag, 21. Mai 2026

Wie immer am Karfreitag predigt Ghazala Shafique auch in diesem Frühling in Karatschi in einer kleinen, christlichen Hinterhofkirche. Sie ist die Vorsteherin der Gemeinde, die sich hier in einem Problemviertel versammelt, in einer der Kirchen, in die andere Priester keinen Fuss setzen, weil sie auf Distanz zu den christlichen Gläubigen gehen und ihre einzige Aufgabe darin sehen, in den grossen Kirchen des Landes zu predigen. Genauso wenig würden sie mit Hilfesuchenden zur Polizei gehen oder zum Gericht oder deren Angehörige im Gefängnis besuchen. «Sie denken, ein Priester muss all das nicht tun, während ich denke, ein Priester muss genau das tun», sagt Shafique.

Nach der Predigt klingelt ihr Handy. Der Shop einer christlichen Familie aus der Nachbarschaft soll abgerissen werden. Mit Unterstützung der korrupten Polizei. Religiöse Minderheiten sind in Pakistan besonders von Landraub betroffen, weil ihnen der Einfluss und das Geld fehlen, um sich zu wehren. In solchen Fällen rufen sie Shafique an und bitten um Hilfe. Viele Gläubige denken, die anglikanische Priesterin verfüge über Macht, weil sie das Gesetz kennt und weiss, wie man es durchsetzt.

Shafique fährt umgehend zum Laden, sie konfrontiert die Polizisten, verlangt, dass sie ihr gültige Papiere für den Abriss zeigen. Den Bulldozer, der den Shop dem Erdboden gleichmacht, kann sie nicht aufhalten. Aber sie kann für Wirbel sorgen.

Shafique geht live auf Facebook, wo ihr rund 60 000 Menschen folgen. Sie spricht über Unrecht und ruft zu Widerstand auf, am nächsten Tag soll es einen Strassenprotest geben. Sie zittert, als sie ins Auto steigt, und ihre Stimme bricht, als sie spricht. Das Handy surrt schon wieder: eine Nachricht von ihrer Tochter Sijal, die wissen will, wo die Mutter gerade ist. Shafique wird an diesem Tag noch in drei weiteren christlichen Kirchen erwartet. «Wir sind auf dem Weg», schreibt Shafique, nimmt die Bibel zur Hand und geht ihre nächste Predigt durch.

Die Pastorin bricht mit Geschlechterrollen

Ghazala Shafique, 61 Jahre alt, ist anglikanische Priesterin in Pakistan, wo über 95 Prozent der Menschen muslimisch sind. Nicht nur deswegen ist sie eine Ausnahmeerscheinung. In einem Land, in dem Mädchen zur Zurückhaltung erzogen werden, ist es ungewöhnlich, wenn eine Frau rebelliert. Von Frauen wird erwartet, dass sie stets tun, was man ihnen sagt, dass sie nicht auffallen – weder durch eine laute Stimme noch durch unbescheidene Wünsche. Frauen fordern nicht heraus, sie ordnen sich unter. Wenn sie einem Mann gegenüberstehen, sollen sie den Blick senken, so die Erwartung.

Shafique bricht mit diesen Geschlechterrollen. Sie tritt vehement für Frauen- und Minderheitenrechte ein und organisiert jährlich zwei Demonstrationen in Karatschi. Mit dem «Minority Rights March» prangert sie fehlende Minderheitenrechte in Pakistan an. Der «Aurat March» ist die grösste Frauenrechtsdemonstration des Landes. Der Höhepunkt der Demo im Jahr 2024 war eine lichterloh brennende Strohpuppe. Diese symbolisierte das Patriarchat, das in Flammen aufgeht. Shafique brüllte ins Mikrofon und gab Journalisten Interviews.

Auf Demonstrationen wie dem «Aurat March» spricht Shafique nicht nur für Frauen, sondern auch für religiöse Minderheiten wie Christen oder Hindus. «Ich bin ihre Stimme», ist sie überzeugt. Eineinhalb Prozent der Bevölkerung gehören in Pakistan dem Christentum an. Shafique deutet auf ihre grossen, funkelnden Kreuzohrringe. «Ich nütze sie als meine Superkraft», sagt sie und kramt eine Schatulle hervor; darin liegen zig Ohrringe in allen möglichen Kreuzformen. Von Halsketten mit Kreuzen hält sie wenig. Die sehe ja niemand.

Shafique weiss, dass Aktivismus Inszenierung braucht. Den Mut dafür fand sie bereits in der Schule. Sie war fünfzehn, als sie feststellte, dass die Jungen nach Belieben ihre Haare abrasieren konnten, während Mädchen nicht frei über ihren Körper entscheiden durften. Das wollte Shafique nicht hinnehmen und schnitt kurzerhand ihre langen Haare ab. Ein Skandal in Schule, Nachbarschaft und Familie. Schliesslich gab Shafique dem gesellschaftlichen Druck nach und liess ihre Haare wieder wachsen.

Ein Bagger reisst das Geschäft einer christlichen Familie ab. Mit ihrem Handy geht Ghazala Shafique live auf Facebook. Den Bulldozer kann sie damit nicht aufhalten, aber öffentlich Wirbel machen.

Seit etwa fünf Jahren setzt sich Shafique für eine weitere Minderheit ein: die Trans-Community. Von ihren Familien verstossen, geraten Trans-Frauen oft in die Prostitution. Manche arbeiten als Tänzerinnen. Alle erfahren sie Verachtung und Gewalt. Während der Corona-Pandemie wollte ihnen niemand Essen oder Kleider geben. Mit Ausnahme der muslimischen Organisation Ladiesfund.

Shafique schloss sich ihr an. Wenig später eröffnete sie die erste Kirche für Trans-Personen. Vor ihrer Haustür auf dem Kirchengelände der Holy Trinity Cathedral, wo sie seit knapp 30 Jahren wohnt.

Die Priesterin macht keinen Unterschied zwischen Unterstützen und Missionieren. Erst hilft sie Menschen in Not, dann erwartet sie von ihnen, dass sie zu mutigen und – aus ihrer Sicht – guten Gläubigen werden. Sie sollen bibelfest sein und leidenschaftlich für das Christentum einstehen, regelmässig die Kirche aufsuchen und keinen «sündhaften Tätigkeiten» wie der Prostitution nachgehen.

«Ghazala hat mich aufgenommen, als ich misshandelt auf der Strasse lag. Sie hat mich gerettet», erzählt die Trans-Frau Kangna. Nach einer brutalen Gruppenvergewaltigung, an deren Verletzungen sie beinahe gestorben wäre, habe sie die Priesterin um Hilfe gebeten, sagt sie. Durch Shafiques Unterstützung habe sie sich zurück ins Leben gekämpft und einen Job in einem Callcenter bekommen. Der Glaube habe ihr geholfen, das Trauma zu bewältigen.

Shafiques Engagement für Trans-Personen wird in der Gesellschaft nicht gern gesehen, auch in den eigenen Reihen nicht. Nach der Gründung der Kirche für Trans-Personen riefen Kirchenvertreter ihren Ehemann an und forderten, dass er die Priesterin stoppt. Mit der Akzeptanz von Trans-Personen führe sie Sodom und Gomorrha in die christliche Kirche ein, hiess es. Für die Kirche und den Grossteil der pakistanischen Gesellschaft stehen Trans-Personen für den Gipfel des Sittenverfalls.

bref+

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