Du musst dir vorstellen: Ein Bär um diese Jahreszeit, einen Monat bevor er sich für den Winterschlaf in seine Höhle verkriecht, macht nichts anderes, als sich überfressen.» Das sagt Paula Mayer, während sie mit einem abgebrochenen Ast einen Kothaufen zerteilt, der vor uns auf dem Weg liegt. Aussen ist der Haufen von einem grauen Flaum überzogen. Innen ist er noch frisch. «Hier sieht man, was der Bär gefressen hat», sagt Mayer. Sie stochert weiter, bückt sich zum Haufen hin und sieht Feigensamen, ein paar Apfelkerne, wenige Traubenkerne. «Eine Fruchtbombe.» Sie hält sich den Kot unter die Nase. «Riecht auch so.»
Im Zentralapennin, der Gebirgskette in den italienischen Abruzzen, ist es zum Zeitpunkt meines Besuchs eben Herbst geworden. Die Sonne taucht die Wälder in farbiges Licht, es riecht nach trockenem Laub und wilder Minze. Weniger als zwei Fahrtstunden von der Hauptstadt Rom entfernt, ist die Region eine der wildesten Gegenden Italiens. In den Wäldern leben Wölfe, Rothirsche, Stachelschweine, Apennin-Gämsen, Gämsegeier und Bären.
Der hier heimische Marsische Braunbär ist eine Unterart des Eurasischen Braunbären und gilt als vom Aussterben bedroht. Die geschätzten 50 Exemplare, die es von ihm weltweit noch gibt, leben alle in der zerklüfteten Berglandschaft des Apennins.
Damit das so bleibt und sich sein Bestand wieder erholen kann, muss er geschützt werden. Deswegen ist Mayer hier. «Der Mensch ist die grösste Gefahr für den Bären», sagt die 28-Jährige. Sie trägt sportliche Outdoor-Kleidung, das kastanienbraune Haar hat sie nach hinten gebunden.
Im Schnitt sterben zwei bis drei Bären pro Jahr, wobei die Dunkelziffer nicht eingerechnet ist. Mayer zeigt auf die Hauptstrasse, die unten im Tal eine Schneise durch den Wald schlägt. Sie verbindet die Stadt Pescara an der Adria mit Neapel. Wenn Bären sie überqueren, riskieren sie, überfahren zu werden.
Ein weiteres Risiko sind die ungenutzten Wassertanks; da sie nicht abgedeckt sind, besteht die Gefahr, dass die Bären darin ertrinken. Erst kürzlich hat dieses Schicksal zwei Bärenjungen in einem Tank eines ehemaligen Skiresorts ereilt.
Auch Giftköder sind eine Gefahr: Sie werden teilweise von Trüffeljägern für die Spürhunde der Konkurrenz ausgelegt. Denn in italienischen Wäldern ist eine blutige Fehde um die kostbaren Knollen entbrannt, wie verschiedene Medien berichteten. Die Giftköder, sagt Mayer, würden häufig auch von Wildtieren wie Wölfen oder Bären gefressen. «Bei einer bedrohten Art ist jedes Tier, das stirbt, eines zu viel.»

«Eine Fruchtbombe», konstatiert Paula Mayer, als sie den Kothaufen untersucht. In ihm stecken Feigensamen, Apfel- und Traubenkerne.
Der Pfad führt uns weiter aufwärts. Mayer geht mit flinken Schritten und gesenktem Kopf, als würde sie etwas suchen. «Unterwegs halte ich immer Ausschau nach Spuren.» Dazwischen bleibt sie stehen, sagt: «Hier hat sich ein Hirsch gesuhlt.» «Diese Kuhle hat der Dachs gegraben.» Oder: «Dieser Wolfskot markiert ein Revier.»
Wir befinden uns auf einem Spazierweg im Wald, fünf Gehminuten von Pettorano sul Gizio entfernt. Das mittelalterliche Dorf in der Provinz L’Aquila in den Abruzzen zählt im Ortskern rund 300 Einwohner, viele kommen allerdings nur noch in den Ferienmonaten hierher. Es wird als eines der 100 schönsten Dörfer Italiens gelistet: Häuser mit weissen Fassaden und Holztüren schmiegen sich an einen steilen Hang. Dazwischen verlaufen enge, mit Pflastersteinen gesäumte Gassen. Katzen sonnen sich in Blumenkisten. In der Mitte thront eine Burg, ringsum erstreckt sich üppiger Wald an den Berghängen.
Eine Besucherin stiftet Unruhe im Dorf
Mayer vermutet, dass der Kot auf dem Spazierweg von Barbara stammt. So heisst die Bärin, die Pettorano sul Gizio seit zwei Jahren regelmässig aufsucht. Anders als die meisten ihrer Artgenossen gilt Barbara als sogenannter gewöhnter Bär. Das heisst, sie hat wenig Scheu vor den Menschen und kommt regelmässig in die Nähe des Dorfes.
Doch gewöhnte Bären stiften oft Unruhe: Sie klettern auf die Fruchtbäume in Gärten und knicken sie um. Sie wühlen in den Mülleimern an den Strassen. Sie fressen den Honig des Imkers. Oder gar die Schafe und Hühner der Bauern.
«Erst kürzlich ist Barbara am frühen Abend aufgetaucht, noch bei Tageslicht», erzählt Mayer. Sie habe sich über die Feigen hergemacht, die von einem Ast über eine Steinmauer zur Strasse hingen. Hundegebell habe sie schnell wieder verscheucht, wird es später der Besitzer der Dorfbar erzählen, der die Szene beobachtet hatte.

In der Provinz L’Aquila in den Abruzzen gelegen: Pettorano sul Gizio ist eines von Italiens 100 schönsten Dörfern.
Geboren ist Paula Mayer in Rheinland-Pfalz im Südwesten Deutschlands. Schon früh gingen ihre Eltern mit ihr in die Alpen, sie liebte Klettern, Wandern, Skitouren. Sie träumte davon, Wolfsforscherin zu werden. «Das sind faszinierende Tiere, richtige Ausdauersportler», sagt Mayer, die noch bis vor kurzem selbst Ausdauersportlerin war: Sie betrieb «Skyrunning», das Laufen im Hochgebirge.
Sie erinnere sich noch gut daran, wie aufregend es für sie war, als der Wolf wieder nach Europa kam, erzählt Mayer weiter. Doch die aufkeimende Debatte über seine Existenz und die vermehrten Abschüsse hätten dazu geführt, dass sie sich zunehmend ohnmächtig gefühlt habe.
In der Schweiz sind die Fronten derzeit verhärtet: Hier wurde der Wolf 1920 ausgerottet und kam erst 1995 langsam wieder über die Alpen zurück – vom Zentralapennin. Die anfängliche Faszination hielt nicht lange, der Wolf riss viele Schafe. In einer dicht besiedelten Gegend wie der Schweiz, wo das Kulturgut Landwirtschaft hochgehalten wird, löste das Wut aus.
So kam es, dass, nur wenige Jahre nachdem der Wolf wieder in der Schweiz auftauchte, sein Schutzstatus herabgestuft wurde, von «streng geschützt» zu «geschützt». Als das Schweizer Radio und Fernsehen für seinen Podcast «Guter Böser Wolf» vom September 2025 vom Bundesamt für Umwelt wissen wollte, was es tue, um den Wolf zu schützen, lautete die Antwort: «Der Wolf darf in der Schweiz leben, aber die Anzahl ist auf zwölf Rudel zu begrenzen. Ziel ist die friedliche Koexistenz zwischen Wolf und Menschen.»
Verstehen, was wichtig ist
Mayers Herangehensweise ist eine andere: «Ich glaube, Wildtiere können nur geschützt werden, wenn wir die Menschen verstehen, die den Lebensraum mit ihnen teilen.» Deswegen habe sie sich in ihrem Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich auf die gesellschaftlichen und ökologischen Faktoren spezialisiert, die für einen gelungenen Naturschutz wichtig sind.
Für ihre Forschung reiste sie jedoch weder ins Wallis noch nach Graubünden zu den Wölfen. Sondern nach Pettorano sul Gizio, zu den Bären. Hier, wo Wölfe und Bären von jeher heimisch sind, versucht sie seit sechs Jahren herauszufinden, was es braucht, damit Menschen und Wildtiere friedlich zusammenleben können.
Am Eingang des Dorfes hat ein Künstler das Bild eines Bären auf eine Mauer gesprayt. Das Tier ist zu einem Symbol von Pettorano sul Gizio geworden. Im Jahr 2015 erhielt das Dorf als erstes in Europa die Auszeichnung «Bear Smart Community», was so viel heisst wie «bärenschlaue Gemeinschaft». Ein Konzept aus Kanada, wo viele Bären leben.
Dazu gehört, die Bären vom Dorf fernzuhalten. Dafür werden alle potenziellen Futterquellen gesichert. In Pettorano sul Gizio sind die Massnahmen mittlerweile an vielen Stellen sichtbar. Rund um private Gärten, Höfe oder Bienenstöcke sind bärensichere Zäune installiert: drei elektrische Drähte an Holzpfählen, die tief in den Boden gehämmert sind.
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