
Es ist ein Titel wie ein Paukenschlag. «Enthauptete Worte» enthält ein grässliches Bild. Doch die Enthauptung verbindet sich mit den abstrakten «Worten» zu einem Rätsel. Ob es in dem Gedicht wohl eine Auskunft geben wird, die man verstehen kann?
Nun, wie einen Lexikoneintrag wird man das Gedicht und auch die «enthaupteten Worte» nicht verstehen. Ein Verständnis des Gedichts ist dennoch möglich: Im Durchspielen von Lesarten, im Blick auf den Kontext, und im Zulassen von eigenen Assoziationen.
Zunächst wird die Metaphorik des Titels noch drastischer. Als «ungeboren», als «erwürgte Jungfrauen / ohne mögliche Sonne» sollen wir uns die Worte vorstellen. In entsetzlicher Weise massakriert und ihres Potenzials beraubt.
Die Worte sind nicht lebensfähig, sie werden ihre Schönheit und Fruchtbarkeit niemals entfalten können. Sie sind von den Lippen gefallen, also geäussert, aber dennoch nicht lebendig oder wirksam. Mit ihnen und von ihnen «entstellt» wird auch der Mund, wenn die enthaupteten Wörter hochkommen, wie es in der zweiten Strophe heisst. Eine wahrhafte Salve von Metaphern erweitert in der dritten Strophe das verstörende Bild. «Fisch ohne Schuppen, / Vögel ohne Flügel, / Schlangen ohne Rückgrat…», man versteht: Das Wesentliche fehlt. Die Worte sind verstümmelt, missgebildet und wesenlos.
Den Schluss macht ein weiterer Paukenschlag: «Vergib nicht, / Herz.» Vom Herzen also geht die Empörung aus, vielleicht als Urheber der Worte, die auf dem Weg in die Welt hinaus verstümmelt werden. Wer oder was die unverzeihliche Schuld für die eindringlich ausgebreiteten Grässlichkeiten tragen soll, bleibt offen: Das unzulängliche Sprachvermögen? Der fehlende Mut, die Wahrheit zu sagen? Die grundsätzliche Unmöglichkeit, das Innerste mitzuteilen?
Der bittere Trotz, mit dem angeklagt und jede Verzeihung zurückgewiesen wird, ist charakteristisch für Alfonsina Storni. 1892 im Tessin in einer Auswandererfamilie geboren, wuchs sie in der argentinischen Provinz auf und lebte später in Buenos Aires. Als Dichterin, Dramatikerin und Kolumnistin, und zudem als alleinerziehende Mutter, wurde sie bald als unerschrockene sozialkritische Schriftstellerin und eigenwillige Persönlichkeit bekannt.
Storni schrieb sich an die Spitze der südamerikanischen Lyrikavantgarde. In Argentinien war und ist sie berühmt und ihre Bücher werden gelesen. In diesen Lektüren sind ihre Worte bis heute wirkungsvoll und gleichsam höchst lebendig. So erstaunt es, dass Storni die Sprecherin ihres Gedichts «Enthauptete Worte» (im spanischen Original «Palabras degolladas», 1934) beklagen lässt, dass ihre Worte nicht vollendet sind, dass sie ihr Leben und Wirken nicht entfalten können. Das Gedicht bedauert ein sprachliches Versagen, paradoxerweise unter Beweis höchsten Sprachvermögens.
Mag sein, dass Storni als Dichterin an der Kluft zwischen der ehrgeizigen Idee des Kunstwerks und dem davon abfallenden tatsächlichen Werk litt, an einer enttäuschten Hoffnung auf poetische Wirkmacht. Mag auch sein, dass das Gedicht auf allgemeinere, sozialkritische Weise zu lesen ist und etwa achtlosen Sprachgebrauch oder hohles formelhaftes Gerede geisselt.
Man sieht, es will keinen Lexikoneintrag ergeben, dieses Hineindenken und Einfühlen in das Ringen eines lyrischen Ichs um literarischen Ausdruck. Ein Ringen, das dennoch der Beachtung wert ist, zumal in Zeiten, in denen kopflose Worte Konjunktur haben und allzu rasch verziehen werden.
«Klingende Einsamkeit – Soledad sonora. Kleine Anthologie spanischsprachiger Lyrik», Hg. von Martin von Koppenfels und Susanne Lange, C.H.Beck, München 2023, 192 Seiten.