Am 6. Dezember 1979 berichtete das «Bieler Tagblatt» über einen aufgeweckten Gymnasiasten. Der 16-jährige Lorenz Hurni aus Nidau war beim Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht» für seine Arbeit über Findlinge ausgezeichnet worden (Prädikat «hervorragend») und durfte ein Preisgeld von 2500 Franken entgegennehmen. «Der Tertianer», so die Zeitung, «hat hervorragende Forschungsarbeit geleistet.»
Hurni hatte über mehrere Jahre im Waldstück Längholz bei Biel 331 Findlinge registriert, vermessen und auf eine Karte übertragen. «Praktisch an jedem Wochenende der laub- und schneefreien Zeiten» habe er das Längholz nach diesen bis zu zehn Meter grossen Steinblöcken durchsucht, hiess es im «Bieler Tagblatt». Zudem habe Hurni nachgewiesen, dass die Findlinge während der letzten Eiszeit vom Rhonegletscher – und nicht etwa vom Aaregletscher – ins Seeland geschoben worden sein mussten.

Vier Jahre lang durchforstete der Teenager Lorenz Hurni in den Siebzigerjahren das Bieler Längholz nach Findlingen.
Heute ist Lorenz Hurni Professor für Kartografie an der ETH Zürich. Wir treffen ihn auf dem ETH-Campus Hönggerberg. Auf dem Gang vor seinem Büro steht ein spektakuläres Reliefmodell des Bietschhorns im Massstab 1:2000. Gefertigt hat es Eduard Imhof (1895–1986), der Gründer des heutigen Instituts für Kartografie und Geoinformation, für die Schweizerische Landesausstellung 1939.
Das Büro selbst ist geschmückt mit modernen und historischen Karten und Globen. Zwei Bilder zeigen die Gegend von Biel zur letzten Eiszeit, unter dem dicken Eispanzer des Rhonegletschers. «Vielleicht müsste ich wieder mal im Längholz vorbeigehen und schauen, ob die Findlinge noch da sind», sagt Hurni schmunzelnd. Stolz ist er vor allem darauf, dass der Kanton Bern aufgrund seiner Arbeit die 54 interessantesten Steine unter Schutz gestellt hat.

Der grösste der Findlinge, der Heidenstein, ist 11,4 Meter lang, 8,6 Meter breit und 2,9 Meter hoch. Als Hurni 1979 für seine Forschungsarbeit vom Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht» mit dem Prädikat «hervorragend» und einem Preis von 2500 Franken ausgezeichnet wurde, berichtete das «Bieler Tagblatt» über den 16-jährigen Forscher.

331 Findlinge entdeckte Hurni, vermass sie und hielt ihren Standort auf einer Karte im Massstab 1:10 000 fest.
Vergangenes Jahr war Hurni ein gefragter Mann – und zwar in seiner Funktion als Chefredaktor des «Schweizer Weltatlas», des offiziellen Schulatlas der Schweiz. Grund für das Interesse war ein mächtiger Mann: Donald Trump. Gleich an seinem ersten Tag im Amt hatte der US-Präsident erklärt, dass der «Golf von Mexiko» von jetzt an «Golf von Amerika» heisse. Darauf wollten die Schweizer Medien wissen, ob das denn nun auch für die Schweiz gelte.
Karten interessierten Lorenz Hurni schon früh. Mit elf Jahren zeichnete er eine Karte seines Quartiers, die er und die anderen Kinder beim Indianer-und-Cowboy-Spiel nutzten. Später half er in den Schulferien einem Geometer beim Vermessen der Landschaft. «Rausgehen, die Welt aufnehmen und erfassen, das begeisterte mich», sagt Hurni. «Karten sind für mich die faszinierendste Art, die Welt zu entdecken.»
So studierte er in den 1980er-Jahren an der ETH Zürich Vermessungsingenieur. Karten wurden damals noch von Hand gezeichnet. Als Doktorand entwickelte er ein digitales Kartenproduktionssystem, worauf ihn das Bundesamt für Landestopografie (heute Swisstopo) nach Bern holte, wo er für die Umstellung der Schweizer Landeskarten auf eine computergestützte Produktion zuständig war.
Seit 1996 ist er Professor an der ETH und dort unter anderem zuständig sowohl für den «Schweizer Weltatlas», der sich mit der ganzen Welt beschäftigt, als auch für den «Atlas der Schweiz». Dieser «Nationalatlas» zeigt die Vielfalt des Landes in über 400 thematischen Karten und ist online frei zugänglich (siehe «Zum Weiterlesen» am Schluss des Textes).
Ausdruck von Macht
Die Orientierung im Raum war für die Menschen seit je lebenswichtig. Wann sie damit begannen, ihre Umgebung auf einer «Karte» festzuhalten, lässt sich nicht sagen. Eine Wandmalerei aus dem 7. Jahrtausend vor Christus in der heutigen Türkei zeigt vermutlich eine Siedlung mit Häusern und einem nahen Vulkan, wobei diese Interpretation umstritten ist. Eine Erdscheibe, die im babylonischen Reich des 6. Jahrhunderts vor Christus auf eine kleine Tontafel eingeritzt wurde, gilt als eine der frühesten Weltkarten. Aber möglicherweise stellten schon Ritzereien auf Knochen so etwas wie prähistorische Karten dar, erklärt Hurni.
Karten waren oft Ausdruck von Macht. Sie bildeten territoriale Ansprüche ab, die häufig mit wirtschaftlichem Nutzen, etwa der Gewinnung von Rohstoffen, verknüpft waren. Deutlich wurde das am 20. Januar 2025, als Donald Trump den Erlass zur «Wiederherstellung von Namen, die die amerikanische Grossartigkeit ehren» unterzeichnete. Seither heisst die Meeresbucht im Süden der USA «Golf von Amerika». Zumindest in den USA.
Doch darf Trump eigenmächtig eine Bucht umbenennen? Es gibt eine Uno-Expertengruppe, die theoretisch für geografische Namen und insbesondere deren Schreibweise zuständig ist. Allerdings hat sie keine Handhabe, Ländern den Gebrauch neuer Namen zu verbieten oder zu befehlen.
Firmen wie Google oder Apple verhalten sich mit ihren Karten- und Navigationsdiensten in der Regel opportunistisch, weil sie wirtschaftliche Nachteile befürchten, wenn sie sich nicht an die Vorgaben der Regierungen halten. Variieren die Namen von Land zu Land, passen sie diese je nach Ort des Zugriffs an. Für Nutzerinnen von Google Maps in den USA zum Beispiel heisst die Bucht «Golf von Amerika». In der Schweiz dagegen lesen wir «Golf von Mexiko (Golf von Amerika)».
2027 soll eine neue Auflage des «Schweizer Weltatlas» erscheinen. Darin wird weiterhin die Bezeichnung «Golf von Mexiko» stehen – vorausgesetzt, dass es nicht vorher zu einem anderslautenden Uno-Beschluss kommt, sagt Chefredaktor Lorenz Hurni. Der Schweizer Schulatlas lasse sich nicht von Einflussversuchen aus der Politik vereinnahmen.
«Er soll eine neutrale und faktenbasierte Sicht auf die Welt vermitteln.» Eine Namensänderung dränge sich nur dann auf, wenn sich ein neuer Name über längere Zeit international durchgesetzt habe. Grundsätzlich halte man sich an die Liste der anerkannten Länder des Schweizer Aussendepartements und an die von der Uno anerkannten Grenzen.
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