Christoph Simon

Ein Tag ohne:
Soziale Kontakte

Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Dienstag, 28. April 2026

In kein Gesicht sehen!
Ich starre auf Beine und Schuhe, beobachte aus dem Zugfenster den Gang der Leute, die auf dem Perron vorbeigehen. (Eine unterhaltsame Tätigkeit, denn jeder Mensch geht bekanntlich anders.) Ich warte auf die Zugsabfahrt.

In kein Gesicht sehen!
Wenn zufällig eines zurückschaute, wenn sich unsere Blicke kreuzten, müsste ich den Vorfall schon als Mikro-Kontakt werten. Als flüchtige Interaktion mit einer anderen Person. Schlimmstenfalls leuchten unsere Gesichter auf, weil wir einander kennen. Wir würden uns zulächeln oder uns zuwinken. Das wäre dann bereits Beziehungspflege. Nicht heute!

Einen Tag ohne soziale Kontakte will ich verbringen. Vierundzwanzig Stunden ohne zwischenmenschliche Begegnungen. Keine Kommunikation. Weder verbal noch nonverbal noch digital. Vierundzwanzig Stunden als Kurzzeit-Eremit weltabgewandt in den Bergen Nabelschau betreiben.
Klingt verlockend.
Vielleicht bricht die grosse Entspanntheit aus?

Der Zug fährt an. Ich schalte das Handy aus.
Vierundzwanzig Stunden nicht erreichbar sein. Für absolut niemanden.
Meine Kinder sind auf Reisen in Hamburg. Lasse ich sie im Stich? Um mich nicht schuldig zu fühlen, rede ich mir ein, die Wahrscheinlichkeit eines Notfalls sei erstens gering, und zweitens ist ihre Mutter dabei. Nur weil ich mir Sorgen mache, passiert den Kindern noch lange nichts.

Der BLS-Kontrolleurin nicht ins Gesicht sehen!
Man kann nicht nicht kommunizieren, schon klar, aber zumindest will ich es versuchen. Die Kontrolleurin trägt bequeme Turnschuhe der Firma Skechers. Mit der einen Hand halte ich ihr den SwissPass hin. Damit sie nicht denkt, ich sei ein Sozialphobiker, massiere ich mir mit der anderen Hand die Schläfe, als habe ich Kopfschmerzen.
Sie sagt nicht «Gute Besserung», und ich sage nicht «Danke». Eine schöne Mikro-Begegnung habe ich erfolgreich verhindert.

In den Bus Richtung Jaunpass schlüpfe ich hinten rein und an meiner Haltestelle hinten wieder hinaus. Ich mag die Welt der Menschen, und die Zivilisation, in der ich heimisch bin, ertrage ich mühelos. Aber auf dem Weg zur Alphütte freue ich mich auf das einfache Leben mit Wasser vom Brunnen und Wärme vom brennenden Holz im Kachelofen. Ohne soziale Versuchungen.

Ich stelle einen Stuhl auf die Terrasse. In der Ferne schneebedeckte Berge, am Himmel barocke Wolken, in der Nähe frühlingshaftes Vogelgezwitscher aus dem Tannenwäldchen. Das Da-Sein ist kein reines Vergnügen, denn ich mache mir Vorwürfe: Während die Mutter in Hamburg alle Verantwortung für die Kinder trägt, bist du unerreichbar am Arsch der Welt und sinnierst über Schuldgefühle!
Aber Schuldgefühle sind immerhin Gefühle. Und auf die bin ich doch sonst auch aus.

Ich schreibe, ich lese, ich zeichne, ich koche, ich spaziere hirnlos im Schnee um die Hütte. Nichts unterbricht mich, und ich unterbreche mich nicht selbstsabotagemässig. Ich entsperre nicht dreissig Mal das Handy, um mich zu vergewissern, dass mir niemand geschrieben hat.
Ich rede mit dem Abendessen. «Bärlauch-Salami, du schmeckst mir. Sehr.»
Ich konversiere mit der nervtötenden Fliege, die mich nicht schlafen lässt. Ein gute Konversationspartnerin ist sie nicht.
Und ich bin kein Eremit, der es aushält, einer zu bleiben.

Nach vierundzwanzig Stunden ist genug.
Ein Tag ohne soziale Kontakte ist ein Tag ohne Austausch mit Freunden, Followern, Familie. Ohne Liebe auf den ersten Blick. Ohne erfreuliche Zusammenkünfte und spontane Versammlungen.

Als ich am nächsten Morgen das Handy wieder einschalte, erreichen mich Fotogrüsse von cool dreinblickenden, notfallfrei wirkenden Kindern.
Alles gut in Hamburg.
Nun bricht die grosse Entspanntheit aus.