Anjas Mailbox

Warum lässt Gott das alles zu?

Das Skelett eines Fischs am Zürihorn und eine Herzform im schmelzenden Eis im Berner Oberland. Wenn wir offen sind, Dinge zu entdecken – in der Natur und beim Gegenüber – kann das vielleicht Wunder bewirken. Und helfen, auszuhalten, was wir nicht ändern können (Bild: Anja Niederhauser).

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Dienstag, 14. April 2026

Das ist natürlich eine sehr sehr grosse Frage! Danke, dass Du sie stellst, liebe Leserin.

Ich glaube, dass sie viele Menschen beschäftigt – gerade jetzt, da ein weiterer Krieg die Welt erschüttert.

Deine Frage traf fünf Tage nach Beginn des Irankriegs ein, ich gehe deshalb davon aus, dass sie auch damit in Zusammenhang steht und «das alles» in deiner Frage sich auf das Leiden bezieht, das wir Menschen einander antun, aber auch auf das, was uns durch Krankheit und Schicksalsschläge widerfährt.

Ich möchte etwas ausholen. Inspiration für diese Kolumne waren «The Red Hand Files»  von Nick Cave – Musiker, Künstler, Denker. Er beantwortet auf dieser Webseite Fragen aller Art, denn er setzt sich gern mit dem auseinander, was uns umtreibt – auch in seinen Songtexten. So singt er zum Beispiel in «Into My Arms»: «I don’t believe in an interventionist god.» «Ich glaube nicht an einen Gott, der eingreift.»

Das tue ich auch nicht. Ich glaube nicht daran, dass da ein Gott ist, der entweder auf unsere Gedanken und Gebete wartet und dann das macht, was wir uns wünschen. Oder unsere Wünsche nicht erfüllt, um uns zu bestrafen oder so.

Nein, ich glaube nicht an einen Gott als Zauberkünstler. Das klingt hart und etwas provokativ, ich weiss.

Vor allem da gerade das Neue Testament voll ist an Wundern, die Jesus an leidenden Menschen getan haben soll. Aber: Ich selbst habe noch nie ein solches Wunder erlebt, habe noch nie erlebt, dass jemand wieder sehen konnte, der blind war. Dass jemand durch Gottes Hilfe wieder gehen konnte, der gelähmt war.

Das habe ich noch nie erlebt. Leider. Ich wünschte, es gäbe diese Art von Wunder in meiner Welt.

Ich sage bewusst «diese Art von Wunder». Denn andere Wunder habe ich schon sehr viele erlebt. Es sind Ereignisse, die mich beflügelt haben, tief bewegt oder die grosse Veränderungen in meinem Leben ausgelöst haben.

Es waren und sind Wunder, manchmal ganz alltägliche, die sich anfühlen, als wäre mein Leben nicht einfach ein Zellhaufen im weiten Universum, verloren und von Gottes Eingreifen vielleicht verlassen.

Nein, im Gegenteil: es fühlt sich an, als wäre ich in ein netzartiges, zartes, feines Gewebe gebettet. Dieses Bild ist nicht immer gleich präsent und in manchen Momenten sehe ich es nicht.

Aber grundsätzlich fühlt es sich so an. Ein Netz aus Wundern, gewoben von den Menschen, die mich begleiten oder die mir bisher begegnet sind.

Es sind die Menschen, die einen tragen, wenn man selbst nicht mehr gehen kann. Jene, die auch dann da sind, wenn man wütend, verzweifelt, schlaflos oder todtraurig auf dem Sofa verödet. Es sind die Menschen, die einen lieben wie man ist, mit all dem, was man an sich selbst nicht so toll findet.

Es sind die Menschen, die einem im Alltag begegnen und diesen ein bisschen mehr zum Glänzen bringen, wenn sie sagen: «Das nehm ich Dir ab.» – «Hörst Du, wie der Specht hämmert?» – «Komm – wir trinken einen Kaffee und Du erzählst mir, wie es Dir geht.»

Das sind meine Wunder. Menschen, die über meine Witze lachen und Menschen, die mir einen Vertrauensvorschuss gewähren.

«I don’t believe in an interventionist god». Ich glaube nicht an einen Gott, der eingreift, auch wenn ich mir dies manchmal wünsche.

Nick Caves Song geht so weiter:

I don’t believe in an interventionist God
But I know, darling, that you do
But if I did, I would kneel down and ask him
Not to intervene when it came to you
Will not to touch a hair on your head
Leave you as you are
If he felt he had to direct you
Then direct you into my arms

Into my arms, oh, Lord
Into my arms, oh, Lord
Into my arms, oh, Lord
Into my arms

Cave wünscht sich, dass Gott ihm den geliebten Menschen in die Arme schickt. Hin zu einem Gefühl von Zuwendung und Geborgenheit. Gott umarmt die Menschen nicht selbst. Er umarmt sie durch andere Menschen.

Das Lied ist eine Auseinandersetzung mit dem Glauben und gleichzeitig ein Aufruf, die Intervention nicht einem häufig fern erlebten Gott zu überlassen, sondern selbst tätig zu werden. sie selbst in die Hand zu nehmen.

Ich glaube nicht an einen Gott, der eingreift. Ich glaube an die Menschen, auch wenn das manchmal schwer ist. Weil Menschen nicht nur die Fähigkeit haben, einander zu tragen, sondern auch einander weh zu tun. Einander zu verraten, zu töten, zu erniedrigen. Warum? Die Antwort: Macht, Gier, Egoismus reicht wohl nicht aus.

Das Warum können wir nicht beantworten. Nur wir selbst können antworten durch unser eigenes Handeln: Indem wir den Glauben an die Menschheit nicht aufgeben und einstehen für das in uns, was vielleicht dem nahekommt, was man Gott nennt: Menschlichkeit.

Du siehst, liebe Fragestellerin, ich habe keine Antwort auf Deine grosse Frage. Nur ein paar Gedanken.

Und eine Umarmung, Anja

Zum Hören:

Nick Cave and the Bad Seeds: Into My arms

Zum Lesen:

Hartmut Rosa: «Unverfügbarkeit», Suhrkamp-Verlag, 2020. Der Soziologe beschreibt darin, dass wahre Begegnung, die Wunder des Alltags und die ganz grossen Ereignisse des Lebens (wie die Liebe zum Beispiel) nicht kontrollierbar und planbar sind. Sich lebendig zu fühlen, kann man nicht planen, es geschieht dann, wenn wir offen sind, für das, was Natur, Kultur und Mitmenschen in uns anklingen lassen.

Hier können Sie Ihre Frage einreichen:

E-Mail an anja@brefmagazin.ch