Ich habe ein Alkoholproblem. Wenn ich anfange zu trinken, höre ich nicht auf. Ein Genusstrinker war ich nie.
Gründe fürs erste Glas finden sich leicht: Das Siegerbier, das Frustbier, das Bier für die Gefühlslagen dazwischen. Wie sonst abschalten? Feierabend machen? Wie Soziales bewältigen ohne Glas Wein in der Hand?
Ebenso leicht ist es, sich einzureden, kein Problem zu haben: «Ich könnte schon aufhören, aber ich will nicht. Ich hab’s im Griff. Ich habe noch nie einen Unfall gebaut. Ich funktioniere. Ich liefere die geforderte Leistung. Es fallen mir auf der Stelle fünf Kulturschaffende ein, die mehr trinken als ich. Ab und zu ein ekstatischer Absturz ist künstlerische Freiheit. Was wäre das Leben ohne Rausch? Eine öde Pflichtübung, ein quälender Bürojob. Der Kater hinterher ist kein Kater, sondern die Melancholie, die ein empfindsamer Mensch fühlen muss angesichts des Elends auf der Welt.»
Schliesslich hatte die Gefährtin die Nase voll. Als sie mit mir Schluss machte, wurde mir klar, dass ich auf einem Gaul namens Verderben sass, der mich nur immer tiefer in den Scheiss ritt.
Also versuchte ich, den Konsum zu reduzieren. Nie Schnaps (ausser Gin Tonic und Negroni), nie vor fünf Uhr (ausser wenn es was zu feiern gibt), heute nur ein Glas zum Anstossen. Ein aussichtsloser Kampf. Auf das erste Glas folgt das zweite, und jetzt ist es auch egal, bis du am nächsten Morgen verwundert siehst, dass dein Velo draussen steht. Bist also heimgeradelt! Keine Erinnerung daran. Hast das Velo sogar abgeschlossen!
Es war ein Montag im letzten November. Ein freier Abend. Im «La Cappella» stand «Lesen für Bier» auf dem Programm, eine kulturell umrahmte Zelebrierung des lustvollen Saufens. Hundert Meter Luftlinie davon entfernt, im Kirchgemeindehaus Johannes, fand ein Meeting der Anonymen Alkoholiker statt. Ich wählte das angsteinflössende Unbekannte. Am liebsten hätte ich mir Mut angetrunken, so unsicher fühlte ich mich. Was erwartete mich am Meeting? Eine Bibelgruppe? Eine Horde verlorener Säufer?
Empfangen wurde ich von acht unspektakulär normal wirkenden Menschen jeglichen Alters und jeglichen Geschlechts. Dass ich bei den Anonymen Alkoholikern genau am richtigen Ort war, merkte ich, als Y. sagte: «Ein Glas interessiert mich nicht, ich will die Flasche.»
Seither besuchte ich viele AA Meetings, von Zürich bis Basel, von Sursee bis Liestal. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, sagenhaft ehrliche, hilfreiche, tapfere, fehlertolerante Alkoholfachkräfte, die alle willkommen heissen, die es mit dem Nichttrinken versuchsweise mal versuchen wollen.
Man bekommt auch was zurück fürs Nüchternbleiben: Energie, gute Laune, man mag sich wieder. Im Denner schaut man die Auslage an und denkt: «Das Glas da muss ich alles nicht entsorgen.»
Ich sage nicht, ich trinke nie mehr. Das wäre überheblich. Ausserdem treibt mich die Vorstellung, nie mehr trinken zu dürfen, vor lauter Angst und Schrecken in die nächste Bar. Was die Zukunft bringt, weiss ich nicht, aber seit jenem Montag im November lasse ich das erste Glas stehen.
Aus einem Tag ohne Alkohol sind so hundertdreissig Tage geworden.