Anjas Mailbox

Wie kann man Nachrichten lesen, ohne zu verzweifeln – wie informiert bleiben, ohne die Hoffnung zu verlieren?

Ein Filter auf einem Foto gibt dem Bild eine andere Note. Auch im Alltag betrachten wir vieles durch einen Filter, unseren eigenen, persönlichen. Er kann helfen, dass wir uns von all dem, was geschieht, nicht überflutet fühlen – und bei uns selbst bleiben können.

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Dienstag, 03. März 2026

Vielen Dank für die Frage. Als ich sie las, stellte ich mir einen Menschen vor, der anderen sehr zugetan und an der Welt interessiert ist, gleichzeitig so einfühlsam ist, dass die Welt mit all den Schrecken auch bedrohlich erscheinen kann.

Auf Social Media wird gern damit angegeben, dass ein Foto ganz ohne Filter daherkomme – #nofilter. Es steht für eine Selbstdarstellung eines Fotografen oder einer Fotografin, der oder die das Nachbearbeiten nicht nötig hat: Alles soll so gesehen werden wie es «ist».

Filter ist vielleicht ein irreführendes Wort, es geht dabei natürlich um Bildbearbeitung. Aber doch ja, man legt etwas darüber, um es ein wenig anders aussehen zu lassen als es ist. Mein Lieblingsfilter – sehr rudimentär, muss ich zugeben – ist «dramatisch blau». Wie das aussieht, zeigt das Bild der Katze Gipsy; ich habe sie an meinem Arbeitsort in Meiringen fotografiert.

Auch im Alltag betrachten wir die Dinge durch unseren eigenen Filter. Oft versuche ich es mit «freundlich hell», was natürlich nicht immer gelingt. Besonders jetzt nicht. Die Weltlage macht es einem nicht leicht, optimistisch oder sogar hoffnungsvoll zu bleiben.

Und: die Medien führen einem eins zu eins vor Augen, was wo passiert – fast als wäre man selbst dabei. Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana wurden mir die Folgen davon noch stärker bewusst. Ich war mit einigen Menschen in Kontakt, die nach den Bildern, die auf allen Kanälen übertragen worden waren, nach den Interviews und Re-Posts nicht mehr schlafen konnten.

Sie waren davon überwältigt. Nicht, weil sie selbst jemanden verloren hatten, sondern weil das, was man zu sehen und zu hören bekam, Erinnerungen heraufspülte, die man für verborgen oder bewältigt gehalten hatte.

Ich hörte eine Radiosendung, in der detailreich geschildert, wurde was bei Verbrennungen passiert und was die Opfer durchmachen müssen. Die Bilder, die diese Schilderungen in meinem Kopf hervorriefen waren grauenhaft. Mein Reflex war, auszuschalten. Aber ich zögerte: Wäre es nicht ein moralisches Versagen gegenüber den Opfern, sich nicht einmal den Übertragungen auszusetzen?

Genauso geht es vielen: Wie kann man informiert bleiben und somit teilhaben an dem, was in der Welt passiert, ohne selbst Schaden zu nehmen. Wie macht man das?

Ich glaube, es geht bei dieser Frage nicht nur um Medienkonsum, sondern um das Verhältnis von uns Menschen zur Welt. Wenn wir von Informationen überflutet werden, dann kommt es – wie bei der Katastrophe von Crans-Montana – zu einem Gefühl der Ohnmacht. Da sind all die Bilder, all das Schreckliche. Wir sind den Informationen ausgeliefert, können jedoch nichts tun, weil wir zuhause sind und nicht vor Ort, nicht helfen können.

Da wir alle sehr viel von sehr vielen schlimmen Dingen in der Welt erfahren, wird unsere Ohnmacht immer grösser. Sie macht uns starr, wir können uns nicht mehr vom Handy lösen. Wir schauen immer noch mehr schreckliche News, es zieht uns hinein in einen Strudel aus Stress, Voyeurismus und Mitleiden mit den Opfern. Hoffnungslosigkeit kann sich breitmachen.

Wenn wir vor dem Bildschirm an all dem teilhaben, was in der Welt passiert, verschliessen wir uns der Welt zwar nicht, das ohnmächtige Verbleiben vor dem Screen verändert sie aber nicht. Unsere Teilhabe bleibt eine passive. Aber immerhin sind wir doch empathisch, wenn wir mitleiden, könnte der Einwand lauten.

Nein, das sind wir nicht. Ich komme auf den Filter zurück. Empathisch zu sein ist nicht das gleiche wie mitzuleiden. Empathie bedeutet Einfühlungsvermögen, sich in den anderen hineinversetzen können und trotzdem wissen: das ist nicht meins. Wenn ich mich innerlich nicht distanzieren kann, verschmelzen die Gefühle des Gegenübers mit meinen eigenen. Es gibt einen Mix, der niemandem hilft. Wer mit den Gefühlen des Gegenübers eins wird, kann für den anderen, die andere nicht mehr wirklich da sein. Man schwimmt gemeinsam in einer Gefühlssuppe.

Es gilt also, innerlich eine gewisse Distanz zu wahren – einen Filter einzubauen – bei sich selbst bleiben zu können, um den Mitmenschen und damit der Welt ein Gegenüber zu sein, das etwas tun kann. Andernfalls entsteht Ohnmacht und das Gefühl, allem ausgesetzt zu sein und das ist für niemanden gut. Es droht Ausbrennen, Rückzug und Zynismus.

Nachrichten schauen – ja. Damit wir am Geschehen der Welt teilhaben können. Im Alltag aber, in unserer Welt, ist Teilhabe am Leben der Menschen gefragt, mit denen wir zu tun haben. Freundlich sein, zugewandt und empathisch, das bewirkt etwas. Wenn ich am Morgen in der Bäckerei mit einem Lächeln mein Marronibrötli bekomme, mich der Arbeitskollege echt interessiert fragt, wie es mir geht, und ich ab und zu dankbar abends in den Sternenhimmel schauen kann, mache ich diese Welt zu einem besseren Ort.

Ja, dazu sind wir fähig. Wir sind resonante Wesen, unsere Gedanken und Gefühle finden Widerhall in anderen – auch das Gute, das wir aussenden, kommt an. Das ist nicht wenig, das ist riesig viel! Und es ist das, was mir ganz persönlich Hoffnung gibt.

Herzlich!
Anja

Zum Abschalten:

  • Pushnachrichten deaktivieren – alle.
  • Zwei Stunden vorm Schlafengehen Handy ausschalten und beim Zubettgehen nicht ins Schlafzimmer mitnehmen
  • Morgens erst eine Stunde nach dem Aufwachen Nachrichten und Emails checken

Zum Weiterlesen:

  • Daniel Schreiber: «Liebe! Ein Aufruf» Hanser 2025
  • Svenja Flasspöhler: «Sensibel» Klett-Cotta 2021

 

 

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