Linder liest

Eine Sache von Sekunden

Wer ein Jubiläum feiert, freut sich darüber, all das Durchgewurschtel überlebt zu haben – sagt unser Kolumnist.
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Donnerstag, 05. Februar 2026

Es ist eisig kalt, und ich denke über Jubiläen nach. Genauer: darüber, warum sie mich rühren. Wie der Anblick von Menschen, die gerade beim Coiffeur gewesen sind.

Warum ist das wohl so? Aus dem Bisherigen, was ich geschrieben habe, könnte man annehmen, dass ich einfach eine sentimentale alte Tante bin: Alles rührt mich. Aber so einfach ist es nicht. Der Anblick von Menschen, die gerade beim Zahnarzt gewesen sind, rührt mich beispielsweise nicht. Was verbindet also Jubiläen mit Coiffeurbesuchen und führt dazu, dass meine Augen feucht werden?

Aus Erfahrung weiss ich, dass sich die Wahrheit verbiegt, wenn man zu angestrengt über eine Sache nachdenkt. Also beschliesse ich, eine Pause einzulegen und den Müll hinunterzubringen. Es gibt wenige praktische Verrichtungen, die ich wirklich beherrsche. Das Entsorgen von Müll aber habe ich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten perfektioniert. Beissender Wind schlägt mir entgegen. Ich gehe über den Schnee zum Container und werfe den Abfallsack hinein.

Auf dem Rückweg passiert es. Kurz vor unserem Haus rutsche ich auf einer Eisfläche aus und schlage direkt mit der Hüfte auf. Sofort spüre ich einen rasenden Schmerz. Das wars, denke ich. Hüfte gebrochen. Spital. Operation. Leichenhaus. Und was wird dann aus der Kolumne? Nach dem ersten Schock stelle ich fest, dass ich aufstehen kann. Doch nichts gebrochen. Dann erst bemerke ich das Nummernschild in meiner Hand. Offenbar habe ich es beim Sturz vom Auto, das hier parkiert ist, abgerissen. Am merkwürdigsten aber ist, dass es sich um unser eigenes Auto handelt. Was für ein Glück!

Da kommt mir in den Sinn, dass es nun genau zehn Jahre her ist, seit ich mir beim Skifahren die Hüfte gebrochen habe. Auch damals war es eine Sache von Sekunden. Ein unachtsamer Moment, und schon steckte ich mit den Skiern voran in einem Eisblock. In einer seltsameren Position habe ich mich nie mehr befunden.

Später lag ich auf einem Schlitten, dann in einem Helikopter und schliesslich auf einem Operationstisch. Und blickte in das Gesicht eines Arztes, der mich erschrocken anstarrte. Bis heute frage ich mich, warum er so erschrocken war? Hatte er noch nie eine gebrochene Hüfte gesehen? Oder war er ein Hochstapler, der sich als Arzt verkleidet hatte, und bei der Operation dieses idiotischen Skifahrers käme sein Schwindel ans Tageslicht?

Wie auch immer, ich landete damals nicht im Leichenhaus. Und jetzt weiss ich plötzlich, warum ich Jubiläen so rührend finde. Man feiert an diesem Tag den Umstand, dass man etwas überlebt hat. Entgegen aller Gesetze hat man sich irgendwie durchgewurschtelt und ist noch immer hier.

Das ist wie bei den Tanten und Onkeln in der Familie, die alle paar Jubeljahre ihre diamantenen, goldenen und eisernen Hochzeiten feiern. Man fragt sich: Warum seid ihr noch zusammen? Und denkt dann erst, wie schön und bewundernswert das doch ist. Denn das Ende liegt immer näher. Die Auslöschung. Das Nichts. Alles kann jederzeit aufhören.

Darum ist es umso ergreifender, wenn es stattdessen weitergeht. Jubiläen feiern, wie lange das Leben schon dauert, und erinnern daran, wie schnell es vorbeigeht. Zehn Jahre sind eine kurze Zeit. Und doch möchte man sie nicht missen. In den vergangenen zehn Jahren habe ich meine Frau kennengelernt. Wir haben geheiratet. Ich bin Vater geworden. Es war eine gute Zeit.

Am Abend klingelt es an der Tür. Es ist unser Nachbar Viktor. Er macht ein ernstes Gesicht.

«Die haben dir das Nummernschild geklaut.»

«Ach so. Nein, das war ich selbst.»

«Aha.»

Sichtlich irritiert geht er die Treppe hinauf. Ich kehre lachend ins Wohnzimmer zurück.

Warum aber finde ich Coiffeurbesuche rührend?

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