Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Donnerstag, 05. Februar 2026

Im Jahr 1807 verbot Thomas Jefferson den Handel zwischen den USA und Europa. Der dritte Präsident der Vereinigten Staaten war der Ansicht, Amerika sei sich selbst genug: «Jede Familie ist eine eigene Manufaktur und im Grossen und Ganzen in der Lage, alles Notwendige für den persönlichen Gebrauch selbst herzustellen.»

Für genug hielt er ein Schaf pro Familienmitglied – zusammen mit der Baumwolle, dem Hanf und dem Flachs, den die Familie anbaue, sollte dies ausreichen, um Eltern und Kinder einzukleiden.

Dieser Tage denke ich öfter an Jeffersons Bekenntnis zum Genug zurück. Die Vorstellung einer Wirtschaft, die sich an tatsächlichen Bedürfnissen orientiert, ist längst aus der Mode gekommen. Stattdessen leben wir heute in einem System, das nur bei permanentem Wachstum halbwegs funktioniert.

Die Corona-Krise macht das überdeutlich: Die Pandemie ist nicht nur eine gesundheitliche Bedrohung, sie ist vor allem auch eine Wirtschaftskrise.

Schon wenige Monate reduzierter Produktion und reduzierten Konsums haben die Ökonomien weltweit an den Rand des Abgrunds gebracht. Rund um den Globus konnten viele Staaten lebensrettende Massnahmen nicht ergreifen, weil das ökonomisch bedrohliche Folgen gehabt hätte.

Jefferson dachte noch, die Wirtschaft wäre für den Menschen da. Heute zeigt sich, dass das Gegenteil der Fall ist: Menschen müssen den Kreislauf von Produktion und Konsum am Laufen halten – und koste es auch ihr Leben.

Schluss mit dem Klopapier-Run

Dabei ist der Einsatz nicht für alle Menschen gleich hoch. Diejenigen, die massgeblich produzieren, sterben, hungern, sind von Armut bedroht, während bei denjenigen, die es gewohnt sind zu konsumieren, eben nur mal das Klopapier knapp wird.

Zu Beginn der Pandemie wurde viel über angeblich irrationale Hamsterkäufe gelästert. Klopapier auf Vorrat zu kaufen, galt als Übersprunghandlung, als Verhalten ziemlich dummer Leute.

So einfach ist es aber nicht, denn seit dem einzigen Pauschalurlaub meines Lebens weiss ich: Wenn morgens alle ihr Handtuch auf die Strandliege legen, ist mittags kein freier Platz mehr übrig. Ja, theoretisch und eigentlich gibts genügend Plätze.

Aber praktisch und faktisch spielt diese Wahrheit leider keine Rolle. Wenn alle für den Notfall vorsorgen, gibt es keinen Normalfall mehr. Deshalb blieb auch mir dieses Frühjahr nichts anderes übrig, als entweder den Run auf die Hygieneware mitzumachen – oder ohne Klopapier dazusitzen.

So habe ich ebenfalls einen Jumbopack nach Hause geschleppt, statt mich auf das Versprechen «Es gibt genug für alle» zu verlassen.

Was ich damit sagen will: Auch wenn ich das Unsinnige eines Systems erkenne, so kann ich daran als Einzelne doch kaum etwas ändern. Sich am «Genug» zu orientieren, ist heute schlichtweg nicht möglich, ja es fügt dem gesellschaftlichen Wohlstand sogar regelrechten Schaden zu.

Auf den Punkt brachte das unlängst Ludwig Veltmann, der Hauptgeschäftsführer des deutschen Mittelstandsverbundes.

Impulskäufe bringen Umsatz

Er sprach das aus seiner Sicht Ungeheuerliche der Corona- Krise aus: «Mit der Maske kaufen die Verbraucher nur noch, was sie müssen.» Für den Einzelhandel ist das tatsächlich eine Katastrophe, denn Impuls- und Erlebniskäufe – also der Erwerb von Dingen, die die Leute in Wirklichkeit gar nicht brauchen – machen im stationären Einzelhandel mehr als 50 Prozent der Umsätze aus.

Wenn die Menschen sich mit dem zufriedengeben, was sie tatsächlich benötigen, liegt das Geschäft am Boden. Im Kapitalismus gibt es also immer ein Zuwenig oder ein Zuviel. Und das ist keine Folge individueller Gier, sondern systemisch bedingt.

bref+

Jetzt weiterlesen

Tagespass Online

  • gültig direkt ab Kauf
  • 24 Stunden Zugriff auf alle Inhalte
CHF5.00 inkl. MwSt.