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Text: Tom Kroll
Donnerstag, 05. Februar 2026

Herr Maidukov, Sie sind in Kiew. Wie ist derzeit die Lage bei Ihnen?

Es ist etwas Ruhe eingekehrt. Die Front hat sich einige Kilometer nach Norden verlagert. Dieser Tage höre ich nur noch vereinzelt Explosionen.

Was hörten Sie in den vergangenen Wochen?

Ich vernahm ununterbrochen das dumpfe Grollen vom Aufschlag der Artilleriegeschosse, dazwischen Salven schwerer Maschinengewehre vom Stadtrand, immerzu die helleren Schüsse der Sturmgewehre. Ich kann mittlerweile unterscheiden, welcher Schuss von welcher Waffe stammt. Hinzu kamen die heulenden Sirenen, die uns vor Bomben aus der Luft warnten.

Mit der neuen Ruhe sind die schrecklichen Bilder aus Butscha gekommen, Zivilisten mit zusammengebundenen Händen, mutmasslich von russischen Soldaten hingerichtet.

Die Meldungen von ermordeten Zivilisten erreichten mich einige Tage nach Abzug der Russen. Ich konnte es kaum glauben – Butscha liegt nur eine kurze Autofahrt von meiner Wohnung entfernt. Als ich die Fotos, die dann um die Welt gingen, zum ersten Mal betrachtete, liefen mir die Tränen hinunter. Sie liefen und liefen. Eine Frage stelle ich mir seitdem: Wer tötet Menschen, die unbewaffnet sind? Männer, Frauen, Kinder. Welche Kreaturen begehen solche Taten?

Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Gefühle, die ich nie vorher hatte. Ich habe eine liberale Sicht auf die Welt, bin weit davon entfernt, ein Nationalist zu sein. Ich dachte immer: Kein Volk ist besser als ein anderes. Um ehrlich zu sein, meine Weltsicht wird durch den Krieg erschüttert.

Haben Sie darüber nachgedacht, selbst zur Waffe zu greifen?

Mehr als einmal. Kurz vor dem Überfall auf unser Land habe ich eine Art Ausbildung begonnen. Am ersten Tag des achtstündigen Drills lernte ich eine Kalaschnikow auseinanderzubauen und zusammenzusetzen. Danach folgte stundenlanges Üben, wie ich mich bei Feindkontakt auf den Boden zu werfen habe und meine Waffe in Anschlag bringe.

Gewehre, Uniformen, Barrikaden – Sergiy Maidukov zeichnet den Kriegsalltag.

Gekämpft haben Sie aber nicht?

Die Ausbildung wurde mit Beginn des Krieges beendet. Ein Freund und ich wollten uns dennoch den Verteidigungsstreitkräften anschliessen. Wir riefen auf ein Telefon an, das nicht besetzt war, wir versuchten uns über eine Website anzumelden, die überlastet war, und wir zogen an der Tür der Rekrutierungsstelle, die verschlossen war.

Was war los?

Wir hörten, dass sich genug Freiwillige mit Erfahrung gemeldet hätten, zudem seien die Waffen knapp. Wer noch nie geschossen hatte, sollte zurückstehen, man sei eine zu grosse Gefahr für die eigenen Soldaten. Statt zu kämpfen, sammle ich jetzt Geld für mein Land. Ich werde auch das Honorar für die hier gedruckten Bilder spenden. Ich will nicht vom Krieg profitieren.

Was macht ein Illustrator, wenn in seinem Land Krieg herrscht?

Das ist einfach. Zeichnen! Der Stift ist mein Gewehr.

bref+

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