Die Decke im Festsaal von Schloss Riggisberg ist rauchgeschwärzt, vor dem Fenster liegt das sattgrüne Gürbetal, und am Horizont leuchtet weiss das Alpenpanorama. Auf dem Nachbarhügel steht die Kirche, darunter liegt das Dorf wie hingewürfelt.
Wo einst bürgerliche Gutsherren residierten, riecht es heute nach Curry, Chili und Koriander. Serviert wird Injera, ein traditionelles Gericht aus der eritreischen Küche. Weiches, säuerlich schmeckendes Fladenbrot wird dabei mit verschiedenen Saucen und Eintopfgerichten garniert und von Hand verzehrt.
Gekocht haben Flüchtlinge aus dem Land im Nordosten Afrikas, die in Riggisberg wohnen. Das gemeinsame Abendessen mit den Dorfbewohnern soll dafür sorgen, dass die Menschen sich besser kennenlernen. Denn obwohl Eritreer und Riggisberger schon seit drei Jahren zusammenleben – so richtig verstehen sie einander noch nicht.

Riggisberg liegt 15 Kilometer südlich von Bern. 2014 nahm es freiwillig 150 Flüchtlinge auf.
Rückblende: Es ist der Sommer 2014, die Fussballwelt blickt gebannt nach Brasilien, über der Ostukraine wird ein Flugzeug der Malaysia Airlines abgeschossen, und vor der libyschen Küste ertrinken 150 Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa. In Italien schnellen die Asylzahlen in die Höhe, und auch in die Schweiz gelangen immer mehr Menschen. Bund und Kantone kommen an ihre Grenzen, der Kanton Bern muss im Juni gar den Asylnotstand ausrufen und die Gemeinden um zusätzliche Infrastruktur für die Flüchtlinge bitten.
Nur Riggisberg meldet sich freiwillig, das 2500 Einwohner zählende Dorf auf dem Längenberg, 15 Kilometer südlich von Bern. Das überrascht viele: Die Politik dort wird von der SVP dominiert. Rund 46 Prozent der Stimmbeteiligten wählten bei den Nationalratswahlen 2011 die Partei, 2015 waren es mehr als die Hälfte.
Mitverantwortlich für den Entscheid, die Zivilschutzanlage im Dorf für Flüchtlinge zu öffnen, war Christine Bär-Zehnder, Pfarrerin im nahe gelegenen Wichtrach und damals Gemeindepräsidentin von Riggisberg. Ihr sei sofort klar gewesen, dass das Dorf helfen könne, sagt sie. Doch vor allem die Anwohner rund um die Zivilschutzanlage sowie die Anhänger der SVP wehrten sich gegen ihre Pläne. Es kämen doch nur Scheinasylanten und Wirtschaftsflüchtlinge, hiess es.

«Am Anfang war die Situation turbulent», sagt Christine Bär-Zehnder, die im Sommer 2014 Gemeindepräsidentin von Riggisberg war.
Dass sie ihre Ratskollegen doch noch überzeugen konnte, schreibt Bär-Zehnder, selber parteilos, der Stimmung im Gremium zu. In sachpolitischen Fragen sei eine gute Zusammenarbeit möglich gewesen, auch mit der SVP. Am Ende stimmte der Gemeinderat einstimmig für das temporäre Asylzentrum.
Allerdings stand da wohl auch ein gewisses Kalkül dahinter: Wer dem Kanton freiwillig Hand bietet, kann Bedingungen stellen. So wurde etwa der Betrieb des Durchgangszentrums gleich von vornherein bis Ende 2015 befristet. Der grösste Teil der Bevölkerung habe sich schliesslich mit der Entscheidung arrangiert; nun sei es nur fair, dass auch der Kanton Zugeständnisse mache, argumentierte der Gemeinderat.
Riggisberg blieb nur wenig Zeit, um sich auf die Ankunft der ersten Flüchtlinge vorzubereiten. Anfang August wurde das Zentrum mit einer Kapazität von maximal 150 Personen eröffnet. Die meisten Migrantinnen stammten aus Eritrea, Syrien, einige wenige aus Afghanistan und Pakistan.
«Die Situation war am Anfang turbulent», sagt Bär-Zehnder. Es fehlte an einem tragfähigen Betreuungskonzept, in der Nacht gab es zu wenig Personal in der Unterkunft, und für die Kinder musste erst eine speziell ausgebildete Lehrkraft angestellt werden.
Die Behörden platzierten indes nicht nur frisch in der Schweiz angekommene Flüchtlinge in Riggisberg, sondern auch straffällig gewordene oder abgewiesene Asylbewerber. Unmut und Stress entluden sich nach kurzer Zeit in einer Massenschlägerei. Steine flogen, Fenster gingen zu Bruch. Mehrere Verletzte mussten mit der Ambulanz ins Spital gebracht werden. Medien berichteten danach von prügelnden Asylanten, die den Riggisbergern Birnen aus ihren Gärten stehlen würden.
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