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Philosophosaurus

Ein Besuch im Sauriermuseum bringt unseren Kolumnisten dazu, über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zu sinnieren.
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Donnerstag, 09. Oktober 2025

Ist Ihnen die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen bekannt? Der Begriff wurde vom deutschen Philosophen Ernst Bloch geprägt und beschreibt, dass in derselben Zeit verschiedene Entwicklungsstufen nebeneinander existieren können. Vor allem aber ist es ein typischer Studententerminus, mit dem man in der Mensa einen zum Scheitern verdammten Flirtversuch lanciert.

Nach Abschluss meiner Universitätszeit ist mir die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen kaum mehr begegnet, neulich habe ich aber wieder an sie gedacht. Ich war nämlich mit meinem Sohn im Sauriermuseum. Das ist ein phantastischer Ort, den man besuchen sollte, bevor man selbst ausgestorben ist oder die Kinder erwachsen sind (ich mache da keinen Unterschied).

Der rustikale Bau wurde 1992 von Köbi Siber gegründet, der in jungen Jahren erst Experimentalfilme machte und später in den familieneigenen Mineralienhandel einstieg. In seiner Sammlung befinden sich einige der spektakulärsten Saurier-Skelette, deren Namen mein Sohn alle aufsagen kann. Ich weiss nur, dass sie gross und tot sind und ihre Spielzeugversionen im Museums-Shop ein verdammtes Vermögen kosten.

Erstaunlich am Ort ist auch seine verschachtelte Innenarchitektur, die damit zu erklären ist, dass im Laufe der Jahre immer weitere Einheiten – Ausstellungsräume, Läden, aber auch ein Restaurant – dazugekommen sind. So entsteht der Eindruck, als wäre es zu einem Zusammenfall von Zeit und Raum gekommen, wodurch all diese Dinge ihre ursprüngliche Grösse verloren und in diesen einen Raum komprimiert wurden. Als Folge davon können wir das Skelett eines ausgewachsenen Allosaurus bewundern, während direkt hinter uns der Kellner eine Pizza Diavola vorbeibalanciert.

Hey, sagte ich mir, während ich ein Stück Pizza in den Mund schob, kommt dir das nicht bekannt vor? Ist das hier nicht dasselbe Gefühl, das dich seit einiger Zeit immer überkommt, wenn du die Nachrichten schaust oder eine Zeitung liest? Auf der einen Seite die unglaublichsten technologischen Fortschritte mit künstlicher Intelligenz. Auf der anderen Seite eine Menschheit, die sich so rudimentär benimmt, als hätte es nie eine Aufklärung gegeben.

Sie wissen, wovon ich rede: Jagd auf Andersdenkende, Leugnen von Fakten, Impfgegner als Gesundheitsminister und Diktatoren als Friedensnobelpreisträger. Ich dachte, wir hätten diesen Unsinn hinter uns. Und eine Zeitlang sah es ja gar nicht so übel aus. Eine Weile lang schien es sogar möglich, dass Frauen den Männern gleichgestellt werden!

Jetzt aber schlägt das Mittelalter zurück. Und es tut dies gerade mit Hilfe der neuesten Technologien. Denn wie Klaus Zierer eben in der «NZZ» schrieb, nimmt uns KI das Denken ab, was dazu führt, dass wir es verlernen. Das Bildungsniveau schrumpft. Während die Welt immer komplexer wird, verstehen die Menschen sie immer weniger.

Diese freiwillige Selbstverblödung ist auch darum so gefährlich, weil sie uns zu Spielbällen der Mächtigen macht. Ohne Denken gibt es keine Meinung und schon gar keine Haltung. Aber vielleicht wollen wir Spielbälle sein. Vielleicht war die Aufklärung zu viel für uns und es lebt sich besser unter dem Mantel autoritärer Fürsten. Vielleicht.

Vorher aber schlage ich vor, dass wir noch einmal nach Aathal ins Sauriermuseum fahren. Wir sehen uns die Skelette an und wir prägen uns ihre Namen ein. Wir lesen alle Informationstafeln und freuen uns an all dem, was wir eben erfahren haben. Es ist schön, Dinge zu wissen. Danach gehen wir ins Restaurant. Während wir unsere Pizza Diavola geniessen, sagen wir zur attraktiven Person am Nebentisch: «Das ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.»

  • bref Magazin - Oh Erwin!

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