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Donnerstag, 07. August 2025

Denise Rütsche, Sie sind auf Patrouille und plötzlich meldet sich die Einsatzzentrale: Bei einem Verkehrsunfall ist eine Autofahrerin ums Leben gekommen. Sie und Ihr Kollege sollen die Angehörigen ausfindig machen und ihnen die Todesnachricht überbringen. Wie gehen Sie vor?

Denise Rütsche: Zuerst sammeln wir so viele Informationen wie möglich: Was ist genau passiert? Wo befindet sich die verstorbene Person jetzt? Können die Angehörigen sie sehen und Abschied nehmen? Oder läuft noch ein Verfahren? All das muss so schnell wie möglich geschehen.

Warum?

Rütsche: Damit die Angehörigen nicht aus den Medien von dem Unglück erfahren. Oder von einem Nachbarn, der zufällig vorbeigefahren ist und zum Beispiel das Fahrzeug am Unfallort erkannt hat.

Wie schnell sind Sie in der Regel?

Rütsche: Grundsätzlich nehme ich mir gut eine halbe Stunde Zeit. Auf jeden Fall so lange, bis ich sicher bin, dass ich alle nötigen Informationen beisammenhabe. Wenn wir als erste oder zweite Patrouille zum Unfall gerufen werden, ist es einfacher. Dann sehen wir selbst, was genau passiert ist. Ansonsten holen wir die Informationen bei den Kolleginnen von der Polizei ein, die bei dem Unfall vor Ort waren. Das Wichtigste ist die Identifikation.

Also die Identifikation der verstorbenen Person?

Rütsche: Ja, wir müssen so genau wie möglich wissen, wer da gerade gestorben ist. Dann müssen wir kontrollieren, ob wir die richtigen Angehörigen ausfindig gemacht haben. Ich darf ja nicht der falschen Familie eine Todesnachricht überbringen.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie bei den richtigen Angehörigen sind?

Rütsche: Wenn ich Polizeischülerinnen unterrichte, sage ich immer: Schaut, ob der Briefkasten angeschrieben ist. Ist das der richtige Name? Was steht auf dem Klingelschild? Und wenn die Tür geöffnet wird, fragt nochmal nach: Sind Sie die Person, deren Name auf dem Klingelschild steht? Ist sonst noch jemand zuhause?

Und wenn niemand zuhause ist?

Rütsche: Dann kann es sein, dass wir an den Arbeitsort gehen. Das müssen wir dann so einfädeln, dass wir den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin in einen Raum bitten können, wo wir ungestört sind.

Was tun Sie, wenn Sie jemanden partout nicht finden können? Rufen Sie dann an?

Rütsche: Ein Anruf ist nicht strikt verboten, aber eine Todesnachricht telefonisch zu überbringen, ist das letzte Mittel. Das mag nicht anders gehen, wenn jemand weit weg im Ausland ist. Innerhalb der Schweiz delegieren wir diese Aufgabe an Kollegen in den anderen Kantonen, das funktioniert sehr gut und rasch. Auch mit anderen Ländern in Europa läuft das so ab.

Sie sagen «das letzte Mittel» — es ist also nicht vorgeschrieben, Betroffene persönlich zu informieren?

Rütsche: Nein, aber der Respekt verlangt es. Man weiss nicht, wie die Angehörigen auf die Todesnachricht reagieren, und kann sie nicht gut unterstützen, wenn man nicht vor Ort ist. Es könnte sein, dass sie überreagieren, sich im Affekt etwas antun zum Beispiel. Das zu verhindern, gehört auch zu unseren Aufgaben.

Denise Rütsche, Gruppenchefin und Stellvertreterin einer Schicht der mobilen Polizei Mittelland-Emmental-Oberaargau, arbeitet 80 Prozent im Frontdienst auf der Strasse und 20 Prozent beim psychologischen Dienst der Kantonspolizei Bern. Sie schloss ihre Ausbildung zur Polizistin im Jahr 2012 ab; zum ersten Mal stationiert war sie im August 2013 bei der Polizei in Zweisimmen. Von 2019 bis 2021 bildete sie sich bei der Kantonspolizei zur Psychologietrainerin weiter.

Irmela Moser, Theologin und von 1999 bis 2014 Pfarrerin in Siselen-Finsterhennen und Erlach-Tschugg im Berner Seeland, ist seit 2001 Mitglied des «Care Teams Kanton Bern» und seit 2017 dessen Leiterin.

Welche Patrouillen werden zum Überbringen von Todesnachrichten eingesetzt?

Rütsche: Das entscheidet die Einsatzzentrale. Je nachdem, wo der Todesfall oder der Unfall passiert ist, wird die Patrouille benachrichtigt, die am nächsten ist. Oft schauen sie, wer noch etwas länger Dienst hat, damit sich die Patrouille für die Angehörigen genug Zeit nehmen kann. Aber grundsätzlich können es alle übernehmen.

Können Sie so einen Einsatz auch ablehnen?

Rütsche: Ja.

Haben Sie das schon mal gemacht?

Rütsche: Ich selbst noch nie. Wir wissen: Das Überbringen von Todesnachrichten gehört zu unserem Beruf dazu. Aber wenn ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin selbst gerade von einem Todesfall betroffen ist, ist es nicht sinnvoll, dass gerade er oder sie geht.

Jetzt stehen Sie vor einer fremden Haustür und müssen dort klingeln.

Rütsche: Wenn ich vor der Tür stehe, ist mir bewusst, dass dahinter alles noch so ist, wie es bisher war. Sobald ich läute, ist das Leben dieser Menschen innerhalb von Sekunden ein ganz anderes, sie werden womöglich den Boden unter den Füssen verlieren. Und ich bin die Person, die mit dem Überbringen der Nachricht alles verändert.

Wie fühlt sich das an?

Rütsche: Schwer zu beschreiben. Ich bekomme einen trockenen Mund, alle Spucke ist weg. Ich möchte am liebsten nicht hier sein. Möchte dem, was kommt, aus dem Weg gehen. Es geht viel vor in mir in diesem Moment, unterschiedlichste Emotionen. Vielleicht hat die Verstorbene den gleichen Jahrgang wie meine Schwester oder eine meiner Freundinnen.

Was sagen Sie als Erstes, wenn die Tür geöffnet wird?

Rütsche: Wir kommen uniformiert, ich stelle uns mit Namen vor, sage, dass wir eine wichtige Nachricht haben, und frage, ob wir reinkommen dürfen.

Dürfen Sie? Oder wissen denn die meisten Menschen nicht bereits, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss, wenn zwei uniformierte Polizistinnen vor ihrer Tür stehen?

Rütsche: Das kommt darauf an, welche Erfahrungen sie mit der Polizei gemacht haben. Es kann sein, dass im letzten Jahr schon zweimal Kollegen da waren, weil zum Beispiel mit dem Auto etwas nicht in Ordnung war. Dann sagen sie: «Ach, ist schon wieder was mit dem Auto? Kommt doch rein.» Oder sie haben schlechte Erfahrungen gemacht und wollen nicht mit uns reden. Die meisten erschrecken, wenn sie uns sehen, weil ihnen klar ist: Irgendetwas ist passiert.

Können Sie sich auf diesen Moment vorbereiten?

Rütsche: Wir sprechen vorher ab, wer von uns beiden redet und wer zuhört. Wenn ich diejenige bin, die reden wird, bereite ich den schwierigsten Satz genau vor. Mein Ziel ist es, als erste Information die Todesnachricht so rasch wie möglich auszusprechen und nicht um den heissen Brei zu reden. Ich mache dies nicht gerade im Treppenhaus, aber sobald wir uns hingesetzt haben. Dann greife ich innerlich auf diesen einen Satz zurück, den ich vorbereitet habe. Eins zu eins, genau so. Denn im Moment, in dem man reden muss, ist es einfacher, wenn man sich an etwas halten kann, das man vorbereitet hat.

Was sagen Sie genau?

Rütsche: Ich fange nicht damit an, zu erklären, wie es zum Unfall kam, sondern sage meist: «Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Ehefrau heute bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist.» Dann mache ich eine Pause. Diese eine Information ist schlimm genug.

Kommt eine solche Nachricht an? Begreifen die Menschen in diesem Moment, was passiert ist?

Rütsche: Die meisten können aufnehmen, was ich sage, und begreifen es auch.

Wie reagieren sie darauf?

Rütsche: Ganz unterschiedlich. Wir erleben alle Gefühle, von Wut über Trauer, Zusammenbrüche, absolute Stille bis hin zu Rastlosigkeit. Man weiss nie, was einen erwartet.

Welche Reaktion ist für Sie am schwierigsten?

Rütsche: Stille ist schwer auszuhalten. Wenn es jemandem nicht gut geht, will man etwas sagen. Aber manche Menschen brauchen Stille, diese Zeit muss man ihnen lassen. Sie werden, wenn sie so weit sind, Fragen stellen, wenn sie etwas wissen wollen.

Wie schwierig ist es, nichts tun zu können?

Rütsche: Sehr schwierig, aber es geht. Ich sass auch schon eine Stunde neben jemandem, der geweint hat. Diese eine Stunde lang war ich einfach dort und habe versucht, mit meiner Anwesenheit Trost zu spenden.

Müssen Sie als Polizistin nicht auch noch bestimmte Informationen übermitteln?

Rütsche: Doch, wir müssen den Angehörigen sagen, wo sich die verstorbene Person befindet, wie es weitergeht und an wen sie sich wenden können. Aber das eilt erstmal nicht. In diesem Moment sind wir so abgeschottet, dass nichts anderes wichtiger ist. Ich habe keinen Funk im Ohr, mein Telefon ist abgeschaltet, bei der Zentrale bin ich abgemeldet.

Können Sie sich an einen Einsatz erinnern, der besonders herausfordernd für Sie war?

Rütsche: Einmal mussten wir jemandem eine Todesnachricht überbringen, der uns nicht richtig verstehen konnte. Das war sehr unangenehm. In der Regel bereiten wir Gespräche mit Fremdsprachigen gut vor. Wir informieren uns, welche Sprache die Angehörigen sprechen und wer übersetzen könnte. In diesem Fall aber musste es schnell gehen, weil die Person kurz vorher verstorben war, und zwar ganz in der Nähe der Angehörigen.

Gibt es noch andere Einsätze, die Sie stark belastet haben?

Rütsche: Wenn wir Eltern mitteilen müssen, dass ihr Kind tot ist, ist das furchtbar. Oder wenn jemand verstirbt, weil ein anderer Mensch dazu beigetragen hat. Das ist viel schwerer zu verstehen, als wenn es durch eine Naturkatastrophe oder einen Unfall passiert ist.

Sind Sie schon mal angegriffen worden, als Sie eine Todesnachricht überbracht haben?

Rütsche: Ich persönlich nicht. Aber ich habe einmal erlebt, dass eine Person angegriffen wurde, die an einem Unfall beteiligt war. Aber ja, es kann auch Angriffe auf uns geben, wenn wir Todesnachrichten überbringen, weil die Emotionen in diesem Moment völlig ausser Kontrolle geraten.

Wenn jemand bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen ist, getötet wurde oder Suizid begangen hat, kann Denise Rütsche das «Care Team Kanton Bern», CTKB, dazurufen. Auch, wenn ein Kind verstorben ist, werden die Polizistinnen wenn möglich bei ihrem Einsatz von Mitgliedern des CTKB begleitet – sie kümmern sich um die Angehörigen. Die Theologin Irmela Moser leitet das Care Team Kanton Bern seit 2017. Sie kennt diesen Moment vor der Tür aus eigener Erfahrung.

Irmela Moser: Wir vom Care Team haben das Glück, dass wir in der zweiten Reihe stehen und erst mal nichts sagen müssen. Oft stellt uns die Polizistin vor, die die Nachricht überbringt. Wir warten, bis sie fertig gesprochen hat.

Sie sagen «wir», sind immer zwei Care-Team-Mitglieder dabei?

Moser: Nicht immer, aber wir sind froh, wenn es so ist. Für das Care Team sind jeweils drei Leute rund um die Uhr auf Bereitschaft. Grundsätzlich sind wir alleine unterwegs, jeder hat ein eigenes Fahrzeug. Wenn es irgendwie möglich ist, also wenn zwei Leute verfügbar sind, kommen wir zu zweit.

Können Sie sich an Ihren letzten Einsatz erinnern?

Moser: Ja, wir haben uns auf dem Polizeiposten getroffen und uns kurz vorbereitet. Wir haben abgesprochen, wer redet und wann wir vom Care Team übernehmen. Und dann standen wir tatsächlich zu viert vor der Tür.

Was war passiert?

Moser: Ein Verkehrsunfall mit einem Motorrad und einem Auto. Der Motorradfahrer war ums Leben gekommen. Wir wollten die Ehefrau informieren. Wir sind zu ihrem Wohnort gefahren, haben geklingelt – keine Reaktion. Daraufhin haben wir eine Nachbarin gefragt, ob die Frau am Arbeiten sei. Sie sagte: «Ja, im Nachbardorf.» Also sind wir dort hingefahren. Aber die Frau hat an diesem Tag nicht gearbeitet. Eine Mitarbeiterin gab uns ihre Handynummer.

Aber Sie wollen Todesnachrichten doch nicht am Telefon überbringen.

Moser: Das stimmt. Aber wir mussten herausfinden, wo die Ehefrau ist.

Und dann?

Moser: Die Polizistin rief an, aber die Frau nahm nicht ab. Wir waren kaum auf den Polizeiposten zurückgekehrt, als sie zurückrief.

Sie mussten ihr die Nachricht nun doch telefonisch überbringen?

Moser: Nein, wir haben ihr gesagt: «Wir sind in fünf Minuten bei Ihnen zuhause.» Es kann vorkommen, dass Angehörige einer eben verstorbenen Person bei der Polizei anrufen, ohne zu wissen, dass jene nicht mehr lebt. Sie suchen sie, können sie nicht finden und sind in Sorge. Dann kann es sein, dass sie am Telefon über den Tod informiert werden.

Diesmal aber nicht, da haben Sie die Todesnachricht persönlich überbracht.

Moser: Wir standen zum zweiten Mal vor der Wohnungstür und haben geklingelt. Die Ehefrau öffnete, ihre Tochter war auch dabei. Die Polizistin sagte, ihr Mann sei bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Es stellte sich dann heraus, dass die Tochter am Unfallort vorbeigekommen war. Sie hatte das Motorrad auf der Strasse liegen sehen und gedacht: Es sieht aus wie das von Papa.

Wirklich?

Rütsche: Die Leute reden miteinander, alle sind sehr gut vernetzt heute. Darum müssen wir schnell sein. Die Polizei kann nicht stundenlang warten, bis sie die Angehörigen informiert.

Moser: Dass die Tochter das Motorrad gesehen hat, half der Familie, die Nachricht anzunehmen.

Wieso das?

Moser: Es kommt immer wieder vor, dass Menschen, denen wir eine Todesnachricht überbringen, nicht glauben wollen, was passiert ist. Sie sagen: «Wir sind die Falschen. Bestimmt haben Sie sich in der Hausnummer geirrt.»

Rütsche: Oder sie sagen: «Sind Sie sicher, dass Sie von meinem Mann sprechen? Er war eben noch zuhause.»

Passiert das öfters?

Moser: Ja. Es ist schwierig, etwas zu begreifen, das man nicht selbst gesehen hat. Wie soll jemand tot sein, der eben noch mit uns zu Mittag gegessen hat und eben erst weggefahren ist? Und nun soll er nie mehr zurückkommen?

Was machen Sie dann?

Rütsche: Es hilft, wenn wir einen Gegenstand mitbringen können, der der Person gehört hat. Den Ehering zum Beispiel. Oder das Nummernschild. Oder wenn wir sagen können: Er trug eine blaue Jacke. Wenn wir den Tod mit realen Gegenständen verknüpfen können.

Moser: Oder wenn eben, wie in diesem Fall, die Tochter das Motorrad wiedererkannt hat und die Ehefrau weiss, dass ihr Mann nachmittags oft auf der Strecke unterwegs ist, auf der der Unfall passiert ist.

Was, wenn die Menschen Ihnen immer noch nicht glauben können?

Moser: Ich verstehe, dass die Ehefrau den Tod ihres Mannes nicht sofort fassen kann. Oft frage ich die Angehörigen in solchen Momenten, was ihnen helfen könnte, das Geschehene zu begreifen.

Fahren Sie mit den Angehörigen zum Unfallort? Dürfen sie den Verunfallten sehen?

Rütsche: Ich bilde Polizeischülerinnen und -schüler aus. Natürlich macht den meisten die Vorstellung Angst, eine Begehung der Unfallstelle organisieren zu müssen. Ich erkläre meinen neuen Kolleginnen und Kollegen bereits im Unterricht, wie wichtig das für die Verarbeitung sein kann. Wenn Angehörige den Verstorbenen sehen wollen, versuche ich, dass wir das möglich machen können. Natürlich nur mit guter Vorbereitung.

Wie bereiten Sie das vor?

Moser: Manchmal ist der Tote so zugerichtet, dass sein Anblick für die Angehörigen nicht gut wäre. Ich schlage dann vielleicht vor, nur die Hand der verstorbenen Person anzuschauen. Oder die Umrisse, die am Unfallort auf die Strasse gemalt wurden. Etwas, das den Tod dieses Menschen fassbar macht. Denn das, was wir uns vorstellen, ist oft schlimmer als die realen Bilder.

Rütsche: Bevor wir zum Unfallort fahren, sprechen wir uns mit den Kollegen ab, die den Fall betreuen. Liegt die verstorbene Person noch dort, decken sie sie zu und stellen sicher, dass der Unfallort für die Besichtigung von Angehörigen vorbereitet ist.

Moser: Sobald die Polizei den Angehörigen alle wichtigen Informationen übermittelt hat, können wir vom Care Team übernehmen.

Sind die Angehörigen überhaupt in der Lage, Informationen aufzunehmen?

Moser: Nicht immer sofort. Darum höre ich gut zu, was meine Kollegin von der Polizei sagt. Damit ich es zur Not wiederholen kann. Oft sagen die Angehörigen: «Ich weiss überhaupt nicht mehr, was die Polizei genau gesagt hat.» Deshalb ist es für uns so wertvoll, dass wir bei einem Einsatz von Anfang an dabei sein können.

Worauf müssen Sie achten, wenn die Angehörigen unter Schock stehen?

Moser: Ich achte nicht nur auf die Ehefrau, deren Mann bei dem Motorradunfall ums Leben gekommen ist, sondern schaue auch: Wie reagiert die Tochter? Liegen Spielsachen auf dem Boden? Gibt es Enkelkinder?

Bei welchen Anzeichen merken Sie, dass es schwierig werden könnte?

Moser: Es ist immer schwierig, wenn starke Gefühle im Raum sind. Aber ich habe Zeit. Ich kann sagen: «Setzen wir uns doch erstmal hin und trinken ein Glas Wasser.» Oder ich kann sagen: «Ich komme in einer halben Stunde wieder.» Heikel wird es, wenn sich der Todesfall im Ausland ereignet hat und ich den Angehörigen nur wenig Informationen geben kann. Weil man nicht weiss, wo der Tote zurzeit ist und ob er überhaupt in die Schweiz gebracht werden kann. Das ist schwer auszuhalten, weil man dann nur wenig machen oder kaum helfen kann.

Hat Sie schon mal jemand aus der Wohnung geworfen?

Rütsche: Nein, das habe ich noch nie erlebt.

Moser: Ich auch nicht. Ich höre oft: «Es ist gut, dass Sie da sind.»

Das Überbringen von Todesnachrichten gehört zum Alltag der Berner Kantonspolizei. Für diese Einsätze sind alle Korpsmitglieder geschult. Die Einsatzzentrale informiert eine freie Patrouille in der Nähe des Geschehens, diese trägt alle Informationen zum Fall zusammen und entscheidet dann, ob sie das Care Team aufbietet. Dieses betreut die Angehörigen vor Ort, während sich der psychologische Dienst der Polizei nach schweren Unglücken oder traumatischen Einsätzen um die eigenen Mitarbeitenden kümmert.

Das Care Team Kanton Bern ist in den ersten Stunden nach einem Unglück für die notfallpsychologische und notfallseelsorgerliche Betreuung von Betroffenen zuständig. Es hat rund 180 Mitglieder (Miliz) und ist an 365 Tagen rund um die Uhr im ganzen Kanton Bern sowie im Kanton Jura im Einsatz. Es betreut ausschliesslich in der Akutphase, sein Einsatz ist also zeitlich begrenzt. Es kann nur durch die Blaulichtorganisationen angefragt werden — durch Polizei, Sanität oder Feuerwehr.

Wie häufig muss die Polizei — und mit ihr auch das Care Team — eine Todesnachricht überbringen?

Rütsche: Ich würde sagen, im Durchschnitt stirbt im Kanton Bern pro Tag eine Person. Man kann also davon ausgehen, dass jeden Tag ein Team der Kantonspolizei Bern unterwegs ist, das jemandem eine schlechte Nachricht überbringen muss.

Moser: Die Arbeit im Care Team ist eine Milizaufgabe. Die Mitglieder erbringen den Dienst ehrenamtlich, ein- oder zweimal im Jahr mehrere Tage am Stück. Da ist es sehr wahrscheinlich, dass man eine solche Nachricht überbringen muss. Wir haben 600 Einsätze im Jahr, die meisten davon in Zusammenhang mit einem Todesfall.

Können Sie sich an das erste Mal erinnern, als Sie vor einer fremden Haustür standen und jemandem eine Todesnachricht überbringen mussten?

Rütsche: Ja.

Erzählen Sie bitte.

Rütsche: Das war ein natürlicher Todesfall eines Mannes in mittlerem Alter. Ich musste zur Schwester des Verstorbenen. Wir hatten uns sehr gut vorbereitet und abgemacht, dass ich die Nachricht überbringen werde.

Wie reagierte die Schwester?

Rütsche: Es kam praktisch keine Reaktion. Sie hatte ihren Bruder seit 25 Jahren nicht gesehen. Ich war sehr verunsichert, weil die grossen Emotionen ausblieben und alles ganz anders war, als wir es in der Ausbildung geübt hatten.

Sie unterrichten mittlerweile selbst die Aspirantinnen und Aspiranten bei der Polizei darin, Todesnachrichten zu überbringen. Wie stark ist Ihre Erfahrung gefragt? Und wie häufig kommt es anders als geplant?

Rütsche: Ich glaube, die Polizeischüler, die ich in Hitzkirch unterrichte, schätzen es, wenn sie hören, für welche konkreten Situationen sie lernen. Wenn sie von mir erfahren, in welcher Reihenfolge sie vorgehen und wie sie sich vorbereiten können. Worauf sie vor Ort achten müssen und mit welchen Worten sie eine Todesnachricht überbringen sollten. Das gibt ihnen Sicherheit. Wir sprechen zum Beispiel nie von einem Leichnam, sondern sagen: «Ihre verstorbene Frau» oder «Ihr verstorbener Mann». Aber im Endeffekt sitzen wir Menschen gegenüber und müssen uns selbst emotional einbringen. Und auch mal den Mut haben zu improvisieren.

Machen Sie in der Ausbildung auch Rollenspiele?

Rütsche: Es gibt in der Polizeischule eine Ausbildungssequenz, bei der die Schülerinnen und Schüler das Überbringen von Todesnachrichten im geschützten Rahmen üben können und merken, wie sich das anfühlt. Nur schon, wenn man es übt, spürt man diese Grundnervosität, hat diesen trockenen Mund. Man weiss nicht, was als Nächstes passiert. Es ist spannend zu sehen, was emotional abgeht, obwohl alle wissen, es ist nicht echt. Für mich ist es immer wieder eindrücklich zu erfahren, dass auch ich Trauer spüre. Selbst in Rollenspielen merke ich, wie mir Tränen in die Augen steigen.

Wie ist es bei den Einsätzen selbst, dürfen Sie weinen?

Rütsche: In meinem Team darf man weinen. Wir sind Menschen, keine Maschinen. Ich habe auch schon eine Nachricht überbracht und hatte dabei Tränen in den Augen. Ich sage meinen Schülerinnen und Schülern aber jeweils: «Es wäre gut, wenn sich die Angehörigen nicht um euch kümmern müssen, sondern umgekehrtEs ist nicht verboten, Gefühle zu zeigen. Aber ich glaube, für uns Polizistinnen ist es ein bisschen einfacher, weil wir eine Aufgabe haben, auf die wir uns konzentrieren können. Das heisst nicht, dass man gefühlsleer ist, es passiert sehr viel in einem drin.»

Nehmen Sie das auch nach dem Einsatz noch wahr?

Rütsche: Das gibt es ab und zu, dass ich auf der Heimfahrt nach dem Dienst noch weine, ganz für mich allein. Aber es ist auch gut, das Erlebte mit jemandem zu besprechen. Ich habe noch nie erlebt, dass die Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich auf Patrouille bin, nicht annehmen können, wenn ich sage: «Das macht mir noch Mühe.»

Haben Sie ein Ritual, das Ihnen hilft, wieder in den Alltag zurückzukehren?

Moser: Ein Ritual nicht, aber wir machen es ähnlich wie die Kollegen bei der Polizei. Wir nehmen uns Zeit für einen Austausch und reden darüber, wie es gelaufen ist, was gut war und was man in Zukunft besser machen könnte. Wichtig ist, dass wir die Möglichkeit haben, zu sagen: «Der Moment vor der Tür war heute sehr schlimm.»

Rütsche: Wenn die Arbeit es hergibt, nehmen wir uns die Zeit für eine Pause. Diese Einsätze rauben mir viel Energie. Wenn ich mich bei der Zentrale sofort wieder frei melde, muss ich oft gleich in den nächsten Einsatz. Wenn es dann ein Nachbarstreit ist, kurz nachdem ich eine Todesnachricht überbracht habe, erscheint mir das ziemlich belanglos. Das wäre gegenüber den Streitenden nicht fair.

Gibt Ihnen auch die Zentrale Zeit für eine Pause?

Rütsche: Wir können gut sagen: «Wir bleiben noch besetzt.» Sobald ich den Funk wieder im Ohr trage, höre ich natürlich alles wieder. Wenn viele Einsätze laufen und sie überall nach Leuten suchen, dann gehe ich auch wieder los. Aber wenn ich höre, dass der Funk im Hintergrund still ist, melde ich mich noch nicht frei. Dann gönnen wir uns vielleicht noch eine Viertelstunde Ruhe.

Wenn Sie bei einem schwierigen Einsatz etwas erleben, das Sie nicht mehr loslässt, was machen Sie dann?

Rütsche: Wir haben bei der Kantonspolizei Bern einen internen psychologischen Dienst für alle Einsatzkräfte und Mitarbeiter. Das Team ist interdisziplinär zusammengesetzt aus wissenschaftlich ausgebildeten Psychologinnen und psychologisch geschulten Polizisten. Diese Kombination ist sehr wertvoll. Ich arbeite selbst zu 80 Prozent auf Patrouille und zu 20 Prozent im psychologischen Dienst.

Haben Sie sich selbst schon mal an den psychologischen Dienst gewandt und um Hilfe gebeten?

Rütsche: Nein, aber ich wurde mal von ihm kontaktiert. Bei uns im Kanton Bern gibt es die sogenannte proaktive Nachfrage. Das heisst, Mitarbeiter des psychologischen Diensts filtern anhand von gewissen Kriterien jeden Tag die Einsatzstichworte der Kantonspolizei. So sehen sie, ob etwas Traumatisches passiert ist, das den involvierten Einsatzkräften Mühe bereiten könnte, und nehmen dann allenfalls Kontakt auf.

Was könnte Mühe bereiten?

Rütsche: Das können unterschiedliche Ereignisse sein. Todesfälle, Verkehrsunfälle, medizinische Notfälle, wenn man zuschauen muss, wie jemand verletzt wird. Oder wenn eine Einsatzkraft bei einem Einsatz Gewalt erfährt, so wie es mir einmal geschehen ist.

Daraufhin wurden Sie vom psychologischen Dienst kontaktiert?

Rütsche: Ja. Genauso wie ich das mache, wenn ich diese Tätigkeit für den psychologischen Dienst verrichte. Ich lese die Berichte der Kolleginnen, achte darauf, wie sie ein Ereignis schildern, und entscheide danach, ob ich die Mitarbeitenden kontaktiere.

Wie können Sie beim Verarbeiten dieser Erfahrungen helfen?

Rütsche: Durch Zuhören. Ich rufe die Kolleginnen und Kollegen an, lasse sie erzählen, frage nach und biete Unterstützung an. Oft hilft schon das Gespräch – wenn man jemandem, der selbst bei der Kantonspolizei angestellt ist und deshalb die Arbeit genau kennt, sagen kann, was man erlebt hat. Und weiss, dass das Gegenüber unter Schweigepflicht steht.

Werden Einsätze wie das Überbringen von Todesnachrichten mit zunehmender Erfahrung einfacher?

Rütsche: Wenn man etwas schon einmal gemacht hat, ist es danach immer einfacher. Aber jemandem mitteilen zu müssen, dass der Mann, die Frau oder das eigene Kind gestorben ist, ist nie einfach. Weil ich weiss, was meine Nachricht auslösen kann.

Die meisten von uns sehen die Polizei nur in Krimis vor der Tür stehen – hier in einem aus der Serie «Derrick».

Die wenigsten von uns sehen die Polizei vor der Tür stehen, wenn es klingelt, sie kennen diesen Moment zum Glück nur aus Krimis. Ist er realistisch dargestellt?

Rütsche: Nein. Ich schaue sehr gerne Krimis. Aber wenn ich sehe, wie die Angehörigen eines Mordopfers informiert werden, denke ich: Jesses Gott, gehts noch, das so zu sagen? Aber wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass die Ermittler im Krimi nur anderthalb Stunden Zeit haben, um ihren Mordfall zu lösen. Klar muss man Angehörigen in einem laufenden Ermittlungsverfahren auch Fragen stellen. Aber in den Krimis läuft das schon sehr taktlos ab: Man fällt mit der Tür ins Haus und geht ohne Pause über in die Befragung. Da bleibt keine Zeit für Respekt gegenüber den Angehörigen, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben.

Aufmacherbild: Keystone / Alessandro Della Bella