Erst vier Jahrzehnte ist es her, als der protestantische Pfarrer Wang Zhiming in einem Sportstadion vor den Augen aller hingerichtet wurde. Während der Kulturrevolution unter Diktator Mao Zedong wurden Christen in China drangsaliert, verhaftet – oder eben gar ermordet. Heute ist Wang Zhiming als einer der zehn Märtyrer des 20. Jahrhunderts am Westportal von Westminster Abbey in London abgebildet – genauso wie Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King.
Und nun, während in Europa zunehmend Kirchen leer stehen und die Debatte darum kreist, ob die heiligen Stätten auch für Rollschuhdiscos, Buchläden oder hippe Restaurants taugen könnten, erfährt das Christentum in China enormen Zuwachs. 100 Millionen sollen landauf, landab regelmässig die Bibel in die Hand nehmen. Damit hat das Christentum in China etwa gleich viele Anhänger wie die Kommunistische Partei Mitglieder. Und das in einem offiziell atheistischen, autoritären Staat.
«Die Erzählung, dass das Christentum schrumpft, stimmt weltweit gesehen nicht.» Das sagt Dirk U. Moench. Der in der Schweiz wohnhafte Architekt hat in der 8-Millionen-Stadt Fuzhou und Umgebung mehrere Riesenkirchen gebaut.
Moench, selber gläubig und mit einer Chinesin verheiratet, erzählt von drei vollgepackten Gottesdiensten täglich mit total bis zu 10 000 Besuchern, dazu unzählige mehr online zugeschaltet. Er zeigt Fotos von Chinesinnen auf Instagram, die vor den futuristisch anmutenden Sakralbauten posieren.

Moderne anglikanische Familienkirche in der Stadt Luoyuan (Provinz Fujian). Erbaut hat sie Architekt Dirk Moench. (Bild: INUCE / Shikai)
Die Selfies stehen in Kontrast zu den Bildern aus der vier Autostunden entfernten Küstenstadt Wenzhou, die vor einigen Jahren um die Welt gingen. In der wegen der vielen Gottesstätten «Jerusalem Chinas» genannten Metropole wurden 2015 Kreuze von den Kirchtürmen entfernt.
«Wir haben gesehen, wie Pastoren verhaftet und geschlagen wurden, Kreuze und ganze Kirchen niedergerissen wurden und Leute, die sich den Bulldozern entgegenstellten, lebendig begraben wurden», sagte ein anonymes Mitglied einer Untergrundkirche in Wenzhou gegenüber der «NZZ».
Chinas Religionspolitik ist voll von Widersprüchen. Der eklatanteste Gegensatz betrifft dabei nicht das Christentum: Einerseits ist die Religionsfreiheit in Chinas Verfassung verankert. Andererseits ist belegt, dass die Regierung in der Region Xinjiang Umerziehungslager für die muslimische Minderheit der Uiguren betreibt und dabei die Menschenrechte grob verletzt.
Wie passt das alles zusammen? Auf der Suche nach Antworten stellten wir fest, dass wir ein heisses Eisen anfassen. Zahlreiche deutschsprachige Journalisten, die wir für eine Reportage gewinnen wollten, sagten ab. «Was vor zehn Jahren noch problemlos möglich gewesen wäre, ist heute äusserst heikel», schrieb einer.
Der lange Arm des Staates greift eben nicht nur nach der Religion, sondern auch nach dem Journalismus: Wer zu laut kritisiert, riskiert sein Journalistenvisum, das jährlich erneuert werden muss. Und noch viel schlimmer: Er gefährdet damit seine chinesischen Gesprächspartner.
So haben wir die Antworten auf die zwölf drängendsten Fragen zum Verhältnis Chinas zur Religion zusammengetragen – auf der Basis von Interviews mit Expertinnen sowie von Fachartikeln.
1. Was suchen Chinesinnen und Chinesen in der Religion?
In einem Wort: Familie. «Das Leben in China ist hart, viel härter als in Europa», sagt der Schweizer Pfarrer Tobias Brandner, der seit 27 Jahren im Auftrag von Mission 21 als Theologieprofessor und Gefängnisseelsorger in Hongkong arbeitet. In der jüngeren Geschichte Chinas sind zahlreiche Stürme übers Land gefegt: Bürgerkriege, die Okkupation durch Japan während des Zweiten Weltkriegs, der darauffolgende selbstzerstörerische Maoismus.
Die neoliberale Revolution, die auf den Tod von Mao Zedong 1976 folgte, brachte zwar Modernisierung und Wohlstand, aber auch ständigen Wandel. Ganze Städte wurden abgerissen und neu aufgebaut. «Die Menschen wollten zwar reich und erfolgreich werden, suchten aber gleichzeitig nach Sinn», so Brandner.
So streben Chinesinnen und Chinesen nach Halt und Werten, die auch in Zukunft gelten. Während in westlichen Ländern von Gemeinschaften und Gemeinden die Rede ist, bedienen sich Chinas Christen der Familienmetapher. «In Jesus, We are One Family» und «We Become One Family» heissen die Lieder, die in den Kirchen am häufigsten gesungen werden.
Nach dem Gottesdienst bleibe man in der Regel mehrere Stunden lang für ein gemeinsames Mahl sitzen, sagt Architekt Dirk Moench, der in China tätig ist. «In ländlichen Gebieten ziehen dann schon während des Gottesdiensts Rauchschwaden hoch und im Anschluss versammeln sich 1000 Leute vor der Kirche und essen gemeinsam an runden Klapptischen.» In den Städten treffe man sich in Bankettsälen.
Die Familienmetapher habe «signifikant zum Wachstum des Christentums in China beigetragen», schrieb Brandner in einem Fachartikel. Schliesslich ist Familie für Chinesen keine Selbstverständlichkeit: Während der Kulturrevolution unter Mao waren Familien getrennt oder gezwungen, einander öffentlich zu denunzieren. Später mischte sich der Staat mit der Ein-Kind-Politik ein.

Werbung für Jesus in einer Wohnsiedlung im Hongkonger Stadtviertel Kowloon. (Bild: Paul Brown / Alamy Stock Foto)
Die in Hongkong lebende Chinesin Jane Hu Qingxin hebt im Gespräch hervor, dass auch andere Religionen wie der Buddhismus in den letzten Jahrzehnten ein starkes Wachstum erfahren haben.
«Es fand eine spirituelle Reformation in ganz China statt», sagt Hu, die viele Jahre für eine Kirchenzeitung in Hongkong gearbeitet hat. Dass insbesondere das Christentum so stark gewachsen ist, erklärt sie sich so: «Genauso wie Jesus mussten auch sie leiden – sie taten es für Gerechtigkeit und Wahrheit.»
2. Warum ist die Mehrheit der Christen in China protestantisch?
An der Missionarstätigkeit kann es nicht liegen. Denn in der Vergangenheit versuchten sowohl katholische als auch protestantische Missionare mehr oder weniger erfolgreich ihr Glück. 1949 gab es in dem Land mit rund einer halben Milliarde Einwohnern etwa 1,2 Millionen Mitglieder protestantischer Kirchen und etwa 3 Millionen Katholiken.
Doch dann kam Mao Zedongs Kulturrevolution, die alle «westlichen» Infiltrierungen der Gesellschaft entfernen wollte, also auch die Kirchen. In den folgenden Jahrzehnten starben nicht nur Millionen Menschen, es wurden auch Altäre herausgerissen, Kirchen zerstört und jegliche religiösen Aktivitäten verboten.

Überreste einer katholischen Kirche in der Nähe der Grossstadt Wenzhou. Die Behörden der Provinz Zhejiang rissen sie wegen angeblicher Missachtung von Bauvorschriften im Jahr 2014 ab. (Bild: Didi Tang / AP / Keystone)
Es sind neuere Entwicklungen ab den 1980er-Jahren, welche das überdurchschnittliche Wachstum des Protestantismus erklären. Theologe Tobias Brandner sagt, dieser könne sich besser an verändernde Umstände anpassen: «Anders als der Katholizismus braucht Protestantismus keine Priester, um sich zu verbreiten.»
Der Glaube werde über Freundes- und Familiennetzwerke weitergetragen, Kirchengemeinschaften entstünden unbürokratisch in privaten Wohnzimmern, wo gemeinsam gebetet und gesungen werde.
Die Bürokratie ist auch ein wichtiger Grund, warum die Mehrheit der chinesischen Protestanten nicht Mitglied der offiziellen protestantischen Staatskirche ist. In der sogenannten Drei-Selbst-Bewegung dürfen nur offiziell beglaubigte Priester predigen.
Ein weiterer Grund sei ein Ausdruck von innerem Widerstand gegen das autoritäre System, so Brandner. «Die Menschen sagen sich: Wir unterstehen nur Gott.» Etwa zwei von drei Christinnen und Christen engagieren sich in unabhängigen Kirchen, die auch als «Hauskirchen» oder «Untergrundkirchen» bezeichnet werden. Und dies, obwohl solche nicht registrierte Kirchen in China illegal sind.
3. Wie unterscheiden sich chinesische von westlichen Christen?
Wenn sich chinesische Christen anderen vorstellen, erzählten sie häufig gleich als Erstes, dass sie gläubig sind, sagt Theologe Tobias Brandner. «Christsein ist ein extrem wichtiger Teil ihrer Identität.» Er habe miterlebt, wie Gläubige pro Weg 20 Kilometer zu Fuss gehen, um den Gottesdienst zu besuchen.
Der in China tätige und mit einer chinesischen Christin verheiratete Architekt Dirk Moench hat beobachtet, dass die Kirche die mit Abstand wichtigste Institution im Leben von chinesischen Christen ist und dass sich das auch in deren Engagement niederschlägt. «Wohl darum, weil sie nicht qua Geburt zu Protestanten wurden, sondern erst im Erwachsenenalter aus einem inneren Bedürfnis heraus konvertierten.»
Chinesische Protestantinnen seien ausserdem tendenziell eher frommer als im westlichen Europa, vergleichbar am ehesten vielleicht mit Mitgliedern von Freikirchen, sagt Brandner.
4. Werden Christen in China verfolgt?
Nein, zumindest nicht so, wie die meisten sich das vorstellen. Die allermeisten Christinnen und Christen in China müssen nicht befürchten, wegen ihres Glaubens im Gefängnis zu landen. «Die Regierung hat kein Interesse daran, massenhaft Leute einzusperren», sagt Theologe Tobias Brandner.
Es gibt allerdings ein Aber. Beziehungsweise zwei. Sie heissen Joseph Gu und Wang Yi, waren einst einflussreiche Pfarrer und Theologen. Sie setzten sich gegen zunehmende Repression des Staates zur Wehr und büssten dafür.
Joseph Gu war oberster Kirchenvertreter in Zhejiang, einer Region um die Millionenstadt Hangchou mit etwa 90 Millionen Einwohnern. 2015 wurden zahlreiche Kirchen in der Region gezwungen, ihre Kreuze zu entfernen. Andere wurden zerstört, angeblich wegen Verstössen gegen Baugesetze.
Dagegen wehrte sich Joseph Gu mit einem offenen Brief und Auftritten im internationalen TV. Wenig später wurde er verhaftet, offiziell wegen der Veruntreuung von Geldern.
Wang Yi war Gründer einer der grössten Hauskirchen des Landes in der Stadt Chengdu. Als die Regierung Anfang 2018 neue religiöse Vorgaben machte, verfasste auch er einen Protestbrief, 458 chinesische Kirchenobere unterschrieben. Internationale Medien wie die «New York Times» und die Zeitschrift «Atlantic» porträtierten den mutigen Protestanten.
Wenig später fand eine Razzia in der Kirche statt, die Türen wurden geschlossen, Wang verhaftet und später zu neun Jahren Haft verurteilt wegen «Anstiftung zum Umsturz der Staatsgewalt» sowie «illegalen Geschäften». Ein ähnliches Schicksal erlitten andere, die Wangs Brief unterschrieben hatten.
Die Fälle von Gu und Wang seien sehr deutliche Zeichen der Politik gewesen, dass die Freiheit der Religion eben nicht uneingeschränkt gelte. Das sagt Jane Hu Qingxin, Kirchenkennerin aus Hongkong. Sie erwähnt ausserdem die Schliessung der Zionskirche in Peking im Jahr 2020, die der Staat zuvor immer wieder als Beispiel herangezogen hatte, um Religionsfreiheit zu demonstrieren.
«Die Regierung nutzte die Covid-Pandemie als Vorwand, um die Kirche zu schliessen», sagt Hu Qingxin. Gleich sei es anderen Hauskirchen im Land ergangen. Die Nichtregierungsorganisation Open Doors schätzt, dass während der Pandemie landesweit 7000 Kirchen permanent geschlossen wurden. Viele der Untergrundkirchen, die vorher geduldet wurden, galten fortan als illegal.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Wer nur betet, riskiert nichts. Wer sich aber über Gemeindegrenzen hinaus vernetzt, sich übermässig sozial engagiert und Kritik öffentlich äussert, muss mit dem Schlimmsten rechnen.
5. Was ist mit den Uiguren?
Keine Frage: Die muslimischen Uiguren in der autonomen Region Xinjiang werden auch wegen ihrer Religion verfolgt – auch wenn China stets behauptet, das Vorgehen gegen die ethnische Minderheit diene der «inneren Sicherheit».
Berichte von Masseninternierungen, Umerziehungen und weiteren groben Menschenrechtsverletzungen sind belegt. Der deutsche Anthropologe Adrian Zenz, der entscheidend zur Aufdeckung der Umerziehungslager beigetragen hat, spricht von einem «kulturellen Genozid».
6. Warum fürchtet sich die Kommunistische Partei vor der Kirche?
Die Kirche ist eine der wenigen relativ unabhängigen Teile der Zivilgesellschaft in China. Auf der einen Seite ist das für die Partei von Nutzen. Denn Kirchen füllen die spirituelle Lücke, die sich nach der Aufgabe der sozialistischen Ideologie und des Mao-Kults aufgetan hatte.
Solchen geistigen Halt kann die Kommunistische Partei nicht bieten. Insofern wirken Kirchen stabilisierend auf die Gesellschaft. Und Stabilität ist für die Regierung das A und O.
Auf der anderen Seite stellt diese Unabhängigkeit für die KP aber auch eine Gefahr dar. Es gibt nicht viele, die es wagen, gegen die Partei aufzubegehren. Wenn, dann sind es häufig Gläubige, vor allem Christen.
Konkret fürchtet die Kommunistische Partei, dass das Christentum die eigene Macht gefährden könnte. Diese Angst kommt nicht ohne Grund. Schon einmal in der Geschichte Chinas führten religiöse Gruppierungen zu einer Revolution: Mitte des 19. Jahrhunderts entstand aus einer Mischung aus christlichem Missionarsgut sowie Volksglauben eine Sekte namens Taiping, die sich innerhalb von wenigen Jahren zur Massenbewegung ausweitete und das kaiserliche China nahe an seinen Abgrund brachte.
Ein schlimmer Bürgerkrieg mit 20 bis 30 Millionen Toten war die Folge. Der komplette Umsturz scheiterte damals nur wegen interner Machtkämpfe der Aufständischen.
7. Die Partei lässt Kreuze von den Kirchen entfernen, fast gleichzeitig entstehen riesige neue Kirchen. Wie passt das zusammen?
Die einfache wie überraschende Antwort: Es gibt in China kein einziges Religionsgesetz. Anläufe, ein solches einzuführen, scheiterten bislang. Neben der Verfassung, die prinzipiell die Religionsfreiheit für die fünf Staatsreligionen (darunter das Christentum) schützt, gibt es eine grosse Zahl an sogenannten Dokumenten der Partei, welche die Religionspolitik vorgeben.
Diese Dokumente jedoch werden auf verschiedenen Ebenen (Provinz, Autonome Region, Kreis, Stadt) erlassen und werden widersprüchlich ausgelegt. Entsprechend unterschiedlich ist der Umgang der lokalen Behörden mit den Religionen.

Futuristischer Farbtupfer: Im Jahr 2018 wurde der Huaxiang-Kirche in der südöstlich gelegenen Hafenstadt Fuzhou (Provinz Fujian) ein neues christliches Gemeindezentrum zur Seite gestellt. Architekt ist der Deutsche Dirk Moench.
In der Region um Fuzhou seien die Beziehungen zwischen Kirche und Staat beispielsweise sehr gut, sagt Architekt Dirk Moench, der in Fuzhou und Umgebung mehrere solcher Kirchen gebaut hat.
Zudem dürfe man nicht vergessen, dass in der chinesischen Politik auch andere, lokale Aspekte eine Rolle spielen. «Zum Beispiel bei der Entwicklung eines neuen Stadtteils kann eine schicke, neue Kirche von den Behörden sogar erwünscht sein – als Zeichen der Modernität und des Fortschritts.»
8. Was will Xi Jinping von der Religion?
Xi Jinpings Vorgänger hatten anderes zu tun: Sie kümmerten sich hauptsächlich um die wirtschaftliche Entwicklung. Nun, da China zu einer weltweiten wirtschaftlichen Macht aufgestiegen ist, rückt Xi Jinping vom bis dahin toleranten Umgang mit den Religionen ab.
Seit 2017 verfolgt er eine Religionspolitik, die sich Zhongguo hua nennt. Diese gilt für alle fünf grossen Religionen in China, also neben Katholizismus und Protestantismus (die jeweils als eigenständige Religionen betrachtet werden) auch für Buddhismus, Daoismus und den Islam.
Westliche Medien bezeichnen Zhongguo hua häufig als «Sinisierung» – also das Bestreben, Kultur und Religion chinesisch zu formen. Der Begriff führe allerdings zu Missverständnissen, schreibt der chinesische Soziologieprofessor und Religionswissenschaftler Fenggang Yang auf der Online-Plattform «Christianity Today». Denn mit Zhongguo hua sei keine Entwicklung «von unten» gemeint, also eine Anpassung der Religion an die chinesische Sprache oder Bräuche.
Vielmehr gehe es darum, Kontrolle zu erlangen. «Das oberste Ziel ist nicht kulturelle Assimilierung, sondern politische Domestizierung», schreibt Yang.
Um diese Kontrolle zu erlangen, versuchen die Behörden seit einigen Jahren Hauskirchen zu zwingen, sich bei der Staatskirche zu registrieren. Soziologe Yang glaubt allerdings nicht, dass die Hauskirchen deswegen verschwinden werden.

Chinesische Christen sind eher frommer als im westlichen Europa, vergleichbar am ehesten mit Mitgliedern von Freikirchen. (Bild: Didi Tang / AP / Keystone)
«Es ist sehr schwierig geworden, Gottesdienste mit Hunderten Besuchern abzuhalten, aber möglich mit einigen Dutzend», schreibt er. Die Hauskirchen seien sehr wandlungs- und widerstandsfähig. Manche Kirchen würden Guerillataktiken anwenden und etwa den Ort ihrer Gottesdienste häufig wechseln.
Die von den Behörden geschlossene «Early Rain Covenant Church» aus Chengdu wiederum hat Online-Gebetstreffen um fünf Uhr nachmittags ins Leben gerufen. Um diese Zeit hat der inhaftierte Pastor Wang Yi jeweils Hofzeit und kann gleichzeitig beten. In kurzer Zeit weiteten sich die Fünf-Uhr-Gebete auf andere Hauskirchen und Landesteile aus.
9. Wie funktioniert die Zensur?
Gewaltsame Vorfälle und gezielte Verfolgungen sind selten. Doch selbst wenn der Ton nett ist: Die Menschen in China wissen genau, dass es für sie sehr schnell gefährlich werden kann. Wer aus Sicht der Behörden die Grenzen überschreitet, wird zunächst meist zum gemeinsamen Teetrinken eingeladen.
Dabei erzählt der Vertreter vom Amt für religiöse Angelegenheiten vielleicht von seiner Arbeit und davon, wie schwierig es sei, die Gesellschaft zusammenzuhalten. «Sie können etwas Freundliches sagen, das aber sehr bedrohlich sein kann», weiss Theologe Tobias Brandner.
Brandner beschreibt dieses Vorgehen der Behörden als eine wichtige politische Technik. «Bei einer Art Dining and Wining wird eine fast schon freundschaftliche Bande geschlossen. Sie wollen einen dauernd umarmen», sagt er.
«Ziel ist es, mit viel Zuckerbrot Dissens zu integrieren.» So bringt Loyalität zur Partei in China berufliche Vorteile. Wer dagegen nicht auf Linie ist, kann tief fallen.
10. Liegen in Chinas Buchläden kommunistische Bibeln?
Nein. Wobei die Antwort vielleicht heissen muss: noch nicht. Zum Problem könnte vielmehr werden, überhaupt noch an Bibeln zu kommen. Denn online gibt es ein Verkaufsverbot und selbst liberale Buchläden sind sehr vorsichtig geworden.
Andererseits druckt China einen Grossteil der Bibeln für den Weltmarkt – gemäss «NZZ» über 200 Millionen Exemplare. Noch so ein Widerspruch.

Von den rund 100 Millionen chinesischen Christinnen und Christen sind nur etwa 10 Prozent katholisch. Alle anderen sind Protestanten. Im Bild betet eine Katholikin in einer Kirche in Shanghai. (Bild: Keystone / AP)
Dass an dem Gerücht einer chinesischen «Zensur-Bibel» etwas dran ist, zeigt ein Blick auf den Fünfjahresplan der protestantischen Staatskirche von 2018. Darin finden sich zahlreiche Vorschläge, welche die Loyalität zum Staat demonstrieren sollen. Unter anderem auch, dass die Bibel im Sinne der chinesischen Kultur «uminterpretiert» werden soll und dass Vorbereitungen getroffen würden, sie neu zu übersetzen.
Passiert ist davon freilich noch nichts, wie der «China Christian Council» bei der Verabschiedung des folgenden Fünfjahresplans im Jahr 2023 kleinlaut zugeben musste.
11. Was ist mit Konfuzius?
China ist offiziell ein atheistischer Staat. Tatsächlich bekennt sich gemäss offiziellen Angaben die Mehrheit der Bevölkerung zu keiner Konfession.
Die Regierung fördert den chinesischen Volksglauben als «einzige mit dem chinesischen Staatssystem kompatible Religion». Dieser Volksglauben hat keine eigene Theologie, es gibt auch keinen Klerus und keine Organisation. Im Zentrum steht die Verehrung der Vorfahren.
Gottheiten sind Menschen, die es einmal gegeben hat und denen besondere Kräfte oder Taten nachgesagt werden. Diese sind zuständig für beschränkte Bereiche wie etwa den Ofen, das Haustor oder den Krieg. Der Volksglauben bedient sich dabei Elementen von Konfuzius, dem Daoismus und dem Buddhismus.
Dem Konfuzianismus stimmen gemäss der NGO Open Doors 40 Prozent der Chinesinnen und Chinesen zu. Die 2500 Jahre alte Philosophie beruht auf sozialer Harmonie und wird von der Regierung als wahrhaft chinesisch gepriesen, da sie den Kommunismus integrieren kann.
So preist Konfuzius ein System, in dem jene in übergeordneter sozialer Stellung (häufig Ältere) mit Verantwortung führen müssen, während die Jüngeren ihnen mit Respekt und Loyalität begegnen sollen.

Das Christentum ist in China auch darum populär, weil es Halt und bleibende Werte vermittelt – etwas, was die Politik nicht bieten kann. Im Bild Touristenströme in einer Kirche in der Stadt Hangzhou.
Insgesamt gelten Chinesinnen und Chinesen als sehr pragmatisch, was auch mit Konfuzius zu tun hat. Dieser habe auf die Frage, was nach dem Tod geschehen wird, gesagt: «Wenn wir noch nicht einmal wissen, was das Leben ist, wie können wir da etwas vom Tod wissen?»
Doch das boomende Christentum zeigt, dass die Vorstellung von der Nüchternheit der Chinesinnen und Chinesen vielleicht doch eine gar vereinfachte ist.
Theologe Brandner sagt, dass der Tod viele Chinesen sehr wohl berühre. «Menschen in China sehen das Christentum als eine Erweiterung ihres traditionellen Glaubens, der konkrete Gebete und Praktiken bietet und besser vereinbar ist mit dem modernen Leben.» Frage man die Menschen, was sie zum christlichen Glauben geführt habe, stünden Erfahrungen mit erhörten Gebeten und wundersamen Heilungen an erster Stelle.
12. Geht der Boom des Christentums trotzdem weiter?
Das darf aufgrund der zunehmend repressiven Politik bezweifelt werden. Schliesslich soll ein Anfang 2024 eingeführtes Gesetz auch dazu führen, dass das seit Jahrzehnten geltende Verbot von Religionsunterricht für unter 18-Jährige resolut durchgesetzt wird.
Ausserdem braucht es beispielsweise eine Registrierung, um religiöse Inhalte über die chinesische All-in-one-App WeChat zu verbreiten – die Lizenzen dafür erteilt das Amt. «Man darf im Grunde genommen nicht einmal mehr ein Gebet posten», sagt Jane Hu Qingxin.
Die Kirchenkennerin zweifelt aus einem weiteren Grund daran, dass das Christentum ungebrochen weiterwachsen wird. Jüngere, ab 1995 geborene Chinesinnen und Chinesen seien in Wohlstand aufgewachsen.
Da Hu Qingxin davon ausgeht, dass das gemeinsame Leiden und der innere Widerstand gegen das autoritäre System zentrale Gründe für die Hinwendung zur Religion waren, sagt sie: «Das Christentum ist für Junge nicht mehr sehr attraktiv.»
Auf der anderen Seite dürfte der Protestantismus in China eine Grösse erreicht haben, die ihn resilient macht gegenüber den Druckversuchen der Regierung, wie Theologe Tobias Brandner in einem Fachartikel schreibt. Mehr Repression dürfte lediglich zu weiterer Entfremdung von der Politik führen.
Wie tief das Christentum bereits in der chinesischen Gesellschaft verankert ist, zeigt am deutlichsten die Anekdote, die der Architekt Moench erzählt. In einer Sitzung habe ein kommunistischer Kader einmal gesagt, er wünsche sich eine «normale Kirche».
Damit meinte der Mann freilich keinen chinesischen Tempel, sondern eine europäische Kirche, wie sie noch vor 40 Jahren als Zeichen westlichen Imperialismus galt.
Klar ist: So wie es sich die Kommunisten bei der religiösen Öffnung einst vorgestellt hatten, wird es nicht kommen. Als die Partei die Religionen 1982 unter Schutz stellte, schrieb sie im massgebenden und heute berüchtigten «Dokument Nr. 19» dazu: «Wir Kommunisten sind Atheisten und müssen unermüdlich den Atheismus propagieren.»
Jedoch sei es «unfruchtbar und äusserst schädlich, die ideologischen und geistigen Fragen des Volkes mit einfachem Zwang zu behandeln.» Und schliesslich: Der Schutz der Glaubensfreiheit werde bis zu dem Zeitpunkt fortgesetzt, «an dem die Religion von selbst verschwinden wird».
(Aufmacher-Bild: Mark Schiefelbein / AP / Keystone)



