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Autorin: Anna Miller
Illustration: Pascal Staub
Freitag, 23. Juni 2017

Er war verschwunden, einfach so. Er kam nicht mehr wieder, nicht mehr zu ihr nach Hause, nicht mehr in ihr Leben. Diese Liebe, die sich seit Monaten entwickelt hatte in diesem Sommer 2014, eine Amour fou, leidenschaftlich, wild, aber auch ungesund, intensiv und fragil, sie verschwand an diesem Samstagmorgen, und Lou merkte es nicht einmal.

Nichts deutete an diesem Tag darauf hin, dass es einfach enden würde. Wir hatten es so gut, am Abend davor hatten wir noch zusammen gegessen, er war bei mir, wir waren sehr glücklich. Wir hatten noch über unsere gemeinsamen Wochenendpläne gesprochen, wir sagten, wir treffen uns, wir wollten irgendwo unter einem Baum liegen oder baden, es war heiss. Ich stand in der Küche, mit den Händen im Spülbecken, ich habe die Kaffeetassen abgewaschen von unserem gemeinsamen Morgen, er ging zur Tür und zog sich die Schuhe an, ich habe noch dieses Bild vor mir, wie er im Türrahmen stand. Er sagte, wir hören uns wieder, dann ging er, ich habe ihm keinen Kuss gegeben und keine Umarmung, ich wusste doch, wir sehen uns wieder, schon morgen sehen wir uns wieder.

Der Sonntag kam, aber Lou hörte nichts. Sieben Wochen lang Funkstille, keine SMS mehr, keine Anrufe, keine Glückwünsche zum Geburtstag, kein Wiedersehen. Ihre Anruf- und Schreibversuche liefen ins Leere. Zuerst dachte Lou, es sei ihrem Partner etwas passiert, ein Unfall, ein blöder Zufall, leerer Handyakku, was man sich eben so zurechtlegt, wenn etwas von einem Moment auf den anderen einfach aufhört. Doch irgendwann dämmerte ihr: Er meldet sich wohl wirklich nicht mehr, ich wurde sitzengelassen. Lou heisst in Wirklichkeit anders. Sie möchte ihren wahren Namen nicht preisgeben. Aus Scham. Weil ihr Exfreund bekannt ist. Und auch, weil es wohl exemplarisch für das Thema ist, dass es in der Gesellschaft noch immer tabuisiert ist. Plötzlicher Kontaktabbruch nennt sich das, was Lou passiert ist, in der Fachsprache. Spezifischer: Ghosting, plötzlicher Beziehungsabbruch in einer Partnerschaft, ein neumodischer Begriff, der versucht, das gute alte «Ich-geh-mal-schnell-Zigaretten-Holen» neu zu definieren.

Das Wort Ghosting geistert durch unser Zeitalter, seit die Schauspielerin Charlize Theron vor rund zwei Jahren durch die Klatschspalten der Medien hetzte und mit ihr der plötzliche Beziehungsabbruch zu ihrem Kollegen Sean Penn. In den Berichten stand, sie habe ihn von einem Moment auf den anderen eiskalt abserviert, nie wieder was von sich hören lassen, ihn eben geghostet, sie wurde wie ein Geist für ihn, nicht mehr sichtbar, nicht mehr greifbar, zumindest nicht für ihn, denn für den Rest der Welt war sie ja noch da wie immer. Ihre Geschichte erregte sehr viel Aufmerksamkeit, sie wurde über Wochen und Monate durch die Presse geschleppt, Hunderte Menschen füllten die Kommentarspalten mit ihren eigenen Abbruchstorys. Und so wurde dieser neue Begriff des Ghostings eingeführt, und er hält sich seither hartnäckig.

Fragt man in seinem Freundeskreis nach, wer denn sowas schon mal erlebt hat, von einem Moment auf den anderen verlassen, melden sich erstaunlich viele Menschen zu Wort, manchmal sofort, manchmal auch nach längerem Überlegen, ach ja, stimmt, damals, diese Sommerliebe, ja, das Online-Dating, man teilt Gedanken und Lebensentwürfe, und dann zack, alles wieder weg, der andere meldet sich plötzlich einfach nicht mehr, Nummer löschen, einfach weitergehen. Einfach weitergehen?

Für mich fühlte es sich an, als wäre jemand gestorben, so heftig war das. Ich war involviert und verletzlich, und dann wurde ich so abgewiesen. Seit ich begriffen habe, dass er einfach gegangen ist, träume ich regelmässig, es sei ihm etwas passiert. Manchmal träume ich, dass er bei einem Unfall stirbt. Vielleicht versuche ich im Traum, eine Begründung für dieses Aus zu suchen. Etwas, das alles greifbarer macht.

Eine Bekannte erzählt von ihrer sechsjährigen Beziehung, auf und ab, eines Morgens stand er in der Tür und sagte noch, ich liebe dich, dann war auch er nie wieder gesehen. Eine andere Freundin berichtet von einem Kollegen, der eines Abends nach Hause kam und nur noch die Hälfte der Möbel vorfand; die Frau, die er geheiratet und mit der er zusammengezogen war, mit der er ein Leben führen wollte, bis dass der Tod sie scheidet, hatte sich in seiner Abwesenheit eine eigene Wohnung gemietet, all ihre Möbel mitgenommen und war klammheimlich abgehauen. Aber warum brechen Menschen einfach so ab? Und ist es schlimmer, anders geworden, in einer Welt, in der Social Media, Instant-Befriedigung und flüchtige Kommunikation auf allen Kanälen unseren Alltag bestimmen? Ist das alles neue Normalität, oder geraten wir einfach ab und zu an einen Neurotiker ohne soziale Kompetenz?

Gut mit Ghosting umgehen können die wenigsten, weder die Verlassenen noch die Verlassenden; diese plötzlichen Abbrüche nagen teils Jahre an ihnen. Als würde der Boden unter den Füssen weggezogen. «Der plötzliche Abbruch einer Beziehung ohne anständige Verabschiedung und Nennung von Gründen ist gerade für den Verlassenen unschön und häufig kränkend», sagt der Psychologe Guy Bodenmann, Professor am Lehrstuhl für Klinische Psychologie an der Universität Zürich. Es finde dadurch kein organischer Abschluss der Beziehung statt. «Man kennt die Gründe nicht, weiss nicht, was falsch lief und was man hätte anders machen können. Man erhält keine zweite Chance, und das Ganze verläuft sehr einseitig, ohne dass man dazu Stellung nehmen kann.» Dies sei schwierig und könne sich auch negativ auf spätere Partnerschaften auswirken, da ein Grundvertrauen in andere und der Glaube an Fairness verloren gingen.

Die Funkstille ist ein Bewältigungsversuch. Der Abbrecher signalisiert damit, dass er so nicht weitermachen will und kann. Tina Soliman, Journalistin

Die Betroffenen erzählen häufig von Scham und Ratlosigkeit. Sie berichten, dass aus ihrer Sicht alles in Ordnung war, dass es keinen Grund für eine Trennung gab, dass die Beziehung gerade kurz vor dem Abbruch harmonisch und glücklich schien. Sie kreisen in Gedanken um die möglichen Gründe, finden keine Ruhe und fühlen sich ausgeliefert.

Ich habe fast niemandem erzählt, was passiert ist. Ich habe mich so geschämt. Dass das ausgerechnet mir passiert ist. Dass ich so schrecklich sein muss, dass mir jemand davonläuft, weil er es nicht mehr mit mir aushält. Ich glaubte, das würden die Leute denken. Ich fühlte mich wie eine Versagerin, ich habe mir Vorwürfe gemacht. Dass ich mich habe täuschen lassen, dass ich die Zeichen nicht sah, dass ich das alles nicht kommen sah. Ich bin sonst sehr intuitiv, ich habe eine gute Menschenkenntnis. Es gingen mir tausend Fragen durch den Kopf. Habe ich den Menschen falsch eingeschätzt? Stimmt meine Auffassungsgabe nicht? Habe ich etwas falsch gemacht?

Die deutsche Journalistin Tina Soliman, die zwei Bücher zum Thema Beziehungsabbruch veröffentlicht und über zweitausend Menschen dazu befragt hat, sagt, es komme in Beziehungen meist dann zur Funkstille, wenn das Gespür für das richtige Mass von Nähe und Distanz nicht mehr vorhanden sei – beispielsweise, wenn die Beziehungen manipulativ, zu kalt oder zu symbiotisch würden. Nicht selten haben beide Partner in einer solchen Beziehung Bindungsängste. Und das, so Soliman, zeige sich in vielen Fällen bereits vor dem eigentlichen Abbruch.

Der Abbrecher selbst sei deshalb aber weder Täter noch ein glücklicher Mensch, betont Soliman. «Die Funkstille ist seitens des Abbrechers ein Bewältigungsversuch. Er signalisiert damit, dass er so nicht weitermachen will und kann. Das heisst aber nicht, dass er die Beziehung zur anderen Person grundlegend nicht möchte.» Schweigen sei in vielen Beziehungen ein beliebtes Konfliktlösungsmittel, das sich häufig wie ein roter Faden durch die Generationen ziehe, also im Grunde ein über Jahrzehnte existierendes Familienthema sei. Plötzlicher Beziehungsabbruch kommt denn auch in Familien immer wieder vor, Töchter, die mit ihren Müttern brechen, Familienmitglieder, die sich nicht mehr melden.

Beim plötzlichen Abbruch gehe es am Ende immer darum, Abstand zu schaffen und sich zu schützen, sagt auch Paarberater und Mediator Viktor Arheit von der Beratungsstelle Paarberatung und Mediation im Kanton Zürich, die von der reformierten und der katholischen Kirche massgeblich mitgetragen wird. Wie lange der Abstand dauert, sei sehr individuell, «manche brauchen zur Verarbeitung drei Stunden, andere drei Jahre – oder sie kommen nie mehr zurück». Besonders schwierig für Betroffene sei der Umgang mit dieser Ungewissheit. Natürlich sei das nicht gewünschtes Beziehungsverhalten, «aber wer verhält sich schon immer wie gewünscht?» Der Abbruch sei ein Zeichen dafür, dass der Abbrecher sich nicht anders zu helfen wisse. «Ob man das moralisch bewerten will, ist jedem selbst überlassen», so Arheit.

Allgemein gilt: Wer zuhause nicht gelernt hat, seine Bedürfnisse und Grenzen zu kommunizieren und dafür respektiert zu werden, der hat es damit auch in Paarbeziehungen schwerer.

Sieben Wochen später hat er sich dann endlich gemeldet, eine SMS hat er geschrieben, nur diesen einen Satz: Ich kann das nicht mehr. Es hat sich für mich angefühlt, als wäre er von der Brücke gesprungen. Als wäre er tot, nicht mehr unter den Lebendigen, und das, was wir hatten, nur ein Traum. Heute noch fühlt es sich so an, als sei das alles in einem früheren Leben passiert, gar nicht wirklich jetzt. Er ist sicher kein böser Mensch. Er hat das nicht kalkuliert, er hat das nicht so geplant. Er war einfach völlig überfordert mit seinen Gefühlen, es war einfach eine Affekthandlung. Er hat wohl gemerkt, dass ihm alles viel zu nahe und viel zu viel ist.

Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten machen den Abbruch um ein Vielfaches leichter, da ist kaum mehr eine Schwelle, man kann kommunizieren und sich Nähe suggerieren, ohne dass da ein Gesicht wäre, eine echte Reaktion oder ein möglicher, zu lauter Gefühlsausbruch. Man kommt sich leichter vermeintlich nah, ist aber auch einfacher wieder weg. Wir lebten in einer Zeit, «in der man sich alle Optionen offenhalten möchte», sagt auch Tina Soliman. Beziehungen würden herbeigesehnt, aber gleichzeitig gefürchtet, man will Liebe, traut sich aber nicht, sich ihr hinzugeben. «Um die Einsamkeit zu bekämpfen, suchen wir Nähe, jetzt, sofort. Aber vielleicht ist der andere noch gar nicht so weit, er wehrt sich, hat eine andere Sicht der Dinge. Und weil man sich dann nicht gehört fühlt, bricht man ab – Funkstille.»

Bodenmann pflichtet dem bei, nennt aber noch weitere Faktoren, warum diese Art von Beziehungsabbruch in der heutigen Zeit zugenommen haben könnte: Wenn man miteinander auszugehen beginne, kenne man sich häufig nur sehr kurz, die Sache bleibe unverbindlich – auch wegen des fehlenden gesellschaftlichen Drucks, weil man heute nicht mehr zwangsläufig heiraten, sich nicht auf immer versprechen muss. «Beides ermöglicht es einem, sich lautlos und ohne Konsequenzen aus der Beziehung zu stehlen», sagt Bodenmann.

Ich würde lügen, wenn ich bestreiten würde, dass ich heute noch ab und zu schaue, was er so treibt, über Facebook. Vielleicht laufen wir uns auch irgendwann über den Weg. Natürlich würde ich wollen, dass er sich erklärt. Aber wenn ich ihn jetzt noch damit konfrontieren würde, zwei Jahre später, wäre er geschmeichelt, und das will ich nicht. Er würde ja sehen, wie viel er in mir ausgelöst hat. Vielleicht sollte ich ihn konfrontieren, ja, aber ich bin zu stolz. Vielleicht will ich mir diese Blösse nicht geben, und ich will auch nicht, dass er erfährt, wie es mir geht, was ich tue, was mich beschäftigt. Ich möchte nur, dass er sich mal meldet und sich entschuldigt, das wäre alles, was ich will. Weil es mich versöhnen würde mit dem, was war. Er wird aber wohl nicht realisieren, was er getan hat. Ich glaube, er hat die Heftigkeit von dem, was er getan hat, nicht begriffen. Vielleicht habe ich ihm nicht gereicht.

Wortloses Abbrechen von Beziehungen sei nach wie vor nicht die Regel, sagt Psychologe Bodenmann. «Es ist eine Frage des Anstandes und der Wertschätzung gegenüber anderen, wie man eine Beziehung beendet.» Er rät Betroffenen: «Es lohnt sich, den plötzlichen Beziehungsabbruch nicht auf sich selbst zu attribuieren. Da dieser stillos und verletzend ist, sagt er mehr über die Person aus, die sich so aus einer Beziehung verabschiedet, als über einen selber.»

Die Funkstille, so erlösend und hilfreich sie sich für den Gegangenen zuerst anfühlen mag, ist kein gutes Mittel, um mit einem Menschen endgültig abzuschliessen, bei einem selbst nicht, bei Freunden nicht, auch bei Charlize Theron nicht. «Ohne klärendes Gespräch bleiben beide Parteien in belastender Weise miteinander verbunden», sagt Soliman.

Sich nach einem solchen Abbruch auf sich selbst zurückzubesinnen hat auch eine spirituelle Dimension. Viktor Arheit, Mediator

In Beziehungen bestimme man über den Kontakt nicht allein, leider auch nicht über eine Wiederannäherung oder eine Aussprache. Schützen könne man sich nur, indem man sich behutsam in einer Partnerschaft vorantaste und nicht zu schnell zu Persönliches preisgebe, sagt Bodenmann.

Auch wenn es einem schwerfalle, rät Soliman, solle man dem Gegangenen Raum lassen und keine Vorwürfe machen. Einfach mal eine Weile lang loslassen, nichts tun.

Viktor Arheit rät, sich wieder vermehrt auf sich selbst zu fokussieren und sein Leben aktiv in die Hand zu nehmen. «Dieses Zurückbesinnen hat auch eine spirituelle Dimension», sagt der Berater. In Fällen von plötzlichem Kontaktabbruch würden die gleichen Phasen greifen wie bei Trennungen oder Todesfällen, die Verarbeitung erfolge über Verdrängung, Wut, Trauer, und dann, irgendwann, raffe man sich wieder auf und gestalte neu.

Ich nehme mir heute immer genug Zeit, mich von Leuten richtig zu verabschieden. Bei allen. Das hat sich eingebrannt, diese Situation mit dem Spülbecken, diese Idee, dass jemand bleibt, aber dann nie wieder kommt, dass das Leben einfach neu entscheidet. Ich habe grosse Verlustängste. Ich habe gelernt, dass sich alles ändern kann, es muss nicht einmal einen Grund geben. Dieses Verabschieden ist manchmal fast schon zwanghaft, aber ich brauche es. Es gibt mir Sicherheit.

Anna Miller ist freie Journalistin und Autorin. Sie lebt in Zürich.
Pascal Staub arbeitet als Grafiker unter dem Namen Grafilu.