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Autorin: Lukesch Barbara
Autor: Oliver Demont
Freitag, 08. Dezember 2017

Herr Borter, auf «#MeToo» folgt nun «#ChurchToo». Unter diesem Stichwort berichten zahlreiche Frauen beim Kurznachrichtendienst Twitter von Übergriffen in ihren Kirchen und Kirchgemeinden. Haben die Kirchen ein Problem, was den Umgang von Männern mit Frauen betrifft?

Die Kirchen, und damit ist explizit auch die reformierte Kirche mitgemeint, haben dem Thema bisher noch zu wenig Beachtung geschenkt. Es wundert mich deshalb nicht sonderlich, dass nun im Internet Debatten wie «#ChurchToo» auf ein grosses Echo stossen. Ich begrüsse es, dass die Übergriffe an die Öffentlichkeit gelangen. Unbehagen bereitet mir allerdings die Art, wie dies geschieht.

Wie meinen Sie das?

Egal, ob tatsächlich ein Übergriff stattgefunden hat oder nicht: Wird bei Twitter oder Facebook ein Vorwurf publiziert, hat der Angeschuldigte bereits verloren. Ein Mann, der im Netz eines Übergriffs beschuldigt wird, kann sich durchaus machtlos fühlen – selbst wenn er ein machtvolles Amt innehat. Ansichten und Verdächtigungen verbreiten sich im Internet rasend schnell. Fairness und eine differenzierte Sichtweise müssen da in der Regel hintanstehen.

Auf welche Differenzierung pochen Sie?

Nochmals: Es ist enorm wichtig, dass endlich all diese Mechanismen von Abhängigkeit, männlicher Macht und Übergriffen – physischer wie psychischer Art – an die Öffentlichkeit gelangen. Die Fragen, die sich dabei aber so drängend stellen, verlaufen in der Regel im Sand. Nach der Anklage und Empörung im Netz ist meist Schluss.

Welche Fragen stellen sich so drängend?

Fragen, die bei Männern zu einer ehrlichen Auseinandersetzung damit führen, warum sie sich eigentlich übergriffig verhalten. Nach meiner jahrzehntelangen Arbeit mit Männern bin ich mir sicher, dass viele Übergriffe tatsächlich stattgefunden haben, der Mann sich oft aber seines Fehlverhaltens gar nicht bewusst war. Beispielsweise: Ist sich ein Mann ausreichend darüber im klaren, mit welchen Erwartungen er ein Gespräch mit einer Frau führt? Was ist seine Absicht, wenn er beispielsweise Sexualität im Gespräch unverhofft zum Thema macht?

Es muss doch möglich sein, in einem beruflichen Zusammenhang auch Privates anzusprechen.

Ja, müsste – und trotzdem geht es oft schief. Zum Beispiel wenn hinter dem vorgegebenen Thema die Absicht besteht, irgendwelche Grenzen auszuloten. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Sensibilität gerade in der Kirche für die Machtfrage in Abhängigkeit zu Erotik und Sexualität besteht.

Sie sagten zu Beginn des Gesprächs, die reformierten Kirchen hätten diesem Thema zu wenig Beachtung geschenkt. Worauf stützt sich diese Aussage?

Ich stelle fest, dass Kirchen generell Mühe haben, einen guten Umgang mit Fragen rund um Sexualität zu finden. Aus diesem Grund werden dann auch Fragen rund um sexuelle Übergriffe oft zu wenig offensiv thematisiert und im Ereignisfall zu wenig dringlich bearbeitet. Der Versuch, entsprechende Vorwürfe im Raum stehenzulassen oder auszusitzen, ist aber sehr kurzsichtig.

Ganz untätig waren die reformierten Kirchen nicht. Es gibt kirchliche Fachstellen, die sich unter anderem auch mit sexueller Belästigung und sexueller Ausbeutung beschäftigen.

Ja, die gibt es. Einzelne Kirchen haben auch bereits externe Vertrauenspersonen als Anlaufstellen bezeichnet. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die bereits genug bekannt sind. Ausserdem finden sich darunter kaum Männer, die einem Mann bei einem konkreten Ereignis als Gesprächspartner zur Verfügung stehen würden. Kirchliche Fachstellen wiederum können in diesem Thema kaum beratend tätig werden. Die Kirche ist so klein, dass alle alle kennen. Die Fachstellen laufen zudem Gefahr, dass Mitarbeitende plötzlich in einen Loyalitätskonflikt geraten, weil sie innerhalb der Kirche mehrere Rollen besetzen. Was es braucht, ist eine Stelle unabhängig von der Kirche, an die sich Betroffene wenden können.

Das Problem bei solchen Vorwürfen ist, dass sie meist nur im Internet geäussert werden. Oftmals ist der Kontext unklar, und es steht Aussage gegen Aussage.

Trotzdem – egal, von wem der Vorwurf stammt und wie dieser geäussert wurde, es gilt diesem nachzugehen und die Parteien anzuhören. Dazu ist die Kirche als Arbeitgeberin verpflichtet. Es kommt übrigens oft vor, dass auf Menschen, die einen Übergriff melden, starker Druck ausgeübt wird oder sie als unglaubwürdig oder seltsam hingestellt werden. Das hat System und darf keinesfalls als Grund dienen, einen gemeldeten Vorfall nicht zu untersuchen. Generell müssen vor allem auch die Kirchenleitungen ihre Haltung im Umgang mit Übergriffen überdenken.

Inwiefern?

Konzeptpapiere für den Notfall reichen nicht mehr aus. Was ansteht, ist ein anderer Umgang mit dem Thema Sexualität, ein offener Diskurs über die Geschlechtlichkeit von Männern und Frauen und über die kirchlich tradierten Werthaltungen in Rollenfragen. Ich erlebe immer wieder, wie das Thema Sexualität in der Kirche ausgeblendet wird. Das ist eine kapitale Fehleinschätzung und vielleicht geleitet vom Wunschdenken, dass dieses Thema schon wieder verschwinden wird, wenn man nur genug lange wartet. Das Gegenteil ist aber der Fall: Es wird sich eine hohe Priorität in der Agenda auch der reformierten Kirche suchen. Ignoranz ist bei diesem Thema nicht hilfreich.

Die Kirche hat mit Sexualität offensichtlich ein Problem. Wo hat es seinen Ursprung?

Wir stehen innerhalb der Kirche in einer Tradition, die bis auf den Kirchenvater Augustinus zurückgeht. Geschlechtlichkeit wurde theologisch immer wieder mit Sünde in Verbindung gebracht. Noch heute wird Sexualität in Kirche und Theologie weitgehend ausgegrenzt oder höchstens auf einer abstrakten, ethischen Ebene abgehandelt.

Ich bin mir sicher, dass viele Übergriffe tatsächlich stattgefunden haben, der Mann sich oft aber seines Fehlverhaltens gar nicht bewusst war.

Ich bin überzeugt, dass die zahlreichen sexuellen Übergriffe in den Kirchen auch darauf zurückzuführen sind. Tragischerweise liefern diese Fälle zudem all denen Munition, die in der männlichen Sexualität grundsätzlich etwas Schlechtes und Zerstörerisches sehen. Auch einige Vertreterinnen der feministischen Theologie haben sich in diese Richtung geäussert.

Was weiss man eigentlich über die Sexualität von Jesus?

Jesu Sexualität ist in der Theologie eigentlich kein Thema. Im Grunde darf er als Mann nicht einmal einen geschlechtlichen Körper haben. Deshalb müssen bei Darstellungen seine Geschlechtsteile auch stets verhüllt sein.

Dabei würde sich Jesus sogar als eine Art Role Model eines neuen Männerbildes anbieten: entscheidungsstark, eigenständig, bei Bedarf auch autoritär, zugleich aber auch fürsorglich, empathisch und zärtlich.

Ich habe Mühe damit, in Jesus ein Rollenmodell zu sehen. Wir wissen dafür schlicht viel zu wenig über seine alltägliche Lebensweise. Ich würde eher sagen, dass er jemand war, der in verschiedenen Bereichen traditionelle Verhaltensmuster aufgebrochen und damit auch herrschende Konzepte von Männlichkeit in Frage gestellt hat.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Wie sich Jesus gegenüber Frauen verhielt, das ist schon ungewöhnlich. Allein dass er direkt mit ihnen Kontakt aufnahm, entsprach nicht den Gepflogenheiten seiner Zeit. Er war ihnen gegenüber offen, entspannt und kommunizierte auf Augenhöhe. Für mich ist es offensichtlich, dass Jesus die Emanzipation seiner Mitmenschen am Herzen lag. Er wollte die einzelnen, egal ob Mann oder Frau, weiterbringen.

Warum ist Jesus eigentlich nicht als Frau in Erscheinung getreten?

Eine Frau in dieser Rolle wäre damals undenkbar gewesen. Sie wäre überhaupt nicht ernst genommen worden. Jesus sorgte mit dem Männerbild, das er repräsentierte, bereits für genug Verwirrung. Um heute eine solche Irritation zu erreichen, müsste die Inkarnation wohl in Form einer schwarzen Frau erfolgen.

Sie zählten zu jenem Kreis von Männern in der reformierten Kirche, die in den 80er und 90er Jahren die sogenannte Männerarbeit stark geprägt haben. Was hat Sie bewegt?

Wer nur den Zustand der heutigen Kirchen kennt, kann sich das fast nicht vorstellen, aber wir zählten uns in der Kirche damals in gesellschaftspolitischen Fragen regelrecht zur Avantgarde. Natürlich nicht die ganze Kirche, aber ein Teil davon war dabei, wenn es darum ging, Dinge anders und neu zu denken. Verkrustungen wurden aufgebrochen. Es war uns Männern ein ehrliches Anliegen, dass sich künftig Mann und Frau ebenbürtig begegnen. Natürlich scheiterten wir dabei auch regelmässig an unserer eigenen Sozialisierung. Wir alle waren ja auch mit den Erwartungen aufgewachsen, wie man als Mann in der Gesellschaft seinen Mann zu stehen hat. Diesen Vorstellungen wollten wir uns entziehen.

Das war aber auch den 68ern geschuldet.

Natürlich, das ging Hand in Hand. Wir wollten einfach nicht mehr der bisherigen Zuschreibung von Männlichkeit entsprechen.

Sei es in den Kirchenleitungen oder an theologischen Fakultäten – überall dort, wo es um Geld oder Prestige geht, sitzen noch immer grossmehrheitlich Männer.

Ich und viele andere Männer in der Kirche waren aber auch überzeugt, aus theologischer Perspektive einen eigenständigen Beitrag zu Fragen der Emanzipation leisten zu können. Bis heute ist mein Lebensentwurf stark von der theologischen Reflexion über die Jesusfigur geprägt.

Was war für Sie in diesem Zusammenhang besonders wichtig?

Eine wichtige Botschaft steckt für mich als Mann zum Beispiel in der Kreuzigungsgeschichte. Darin bricht Jesus den gängigen Heldenmythos auf und zeigt sich verletzlich und verletzt. Das ist kein strahlender Sieger, der dem Tod heroisch begegnet, sondern ein leidender Mann. Ich betone Mann. Anders als Theologie und Kirche: Sie halten mit ihrer Interpretation des Ecce-Homo ausdrücklich allgemein am Menschen fest, also an einem geschlechtslosen Wesen.

Nicht nur Jesus, sondern auch Josef wird in der kirchlichen Tradition geschlechtslos dargestellt. Ein Mann ohne Unterleib.

Jesus hatte tatsächlich einen Mann als Vater, dem die biologische Vaterschaft abgesprochen wurde. Nicht nur seine Mutter Maria war jungfräulich rein, auch sein Vater Josef war ohne Geschlecht und Sexualität. Wenn vom Vater Jesu die Rede ist, ist ja meist nicht der irdische, sondern der himmlische Vater gemeint. Das ist irritierend. Da wären Theologie und Kirche doch längstens gefordert, sich Gedanken über die Auswirkungen eines solchen Vaterbildes nicht nur auf Frauen, sondern auch auf Männer zu machen.

Was sollte die Kirche tun?

Sich beispielsweise überlegen: Wo hilft sie mit, auch theologisch, eine Ideologie der Mutter-Kind-Symbiose zu zementieren, bei welcher der Vater eigentlich aussen vor bleibt? Es ist doch eine der grossen Aufgaben unserer Zeit – und damit zwingend auch der Kirche –, ein Dreieck aus Mutter, Vater und Kind zu etablieren. In diesem Zusammenhang wäre es auch interessant, der Frage nachzugehen, was eigentlich bei einem Vater ausgelöst wird, wenn sein Kind auf den Namen eines himmlischen Vaters getauft wird.

In den reformierten Kirchen bilden Frauen zunehmend eine Mehrheit: Die Kirchgänger sind vorwiegend Frauen, die ehrenamtlich Tätigen sowieso. Und an den Universitäten studieren deutlich mehr Frauen Theologie als Männer. Ihre Diagnose?

Zuerst eine korrigierende Anmerkung: Sei es in den Kirchenleitungen oder an theologischen Fakultäten – überall dort, wo es um Geld oder Prestige geht, sitzen noch immer grossmehrheitlich Männer. Strukturelle Macht ist für den Mann in der Kirche also durchaus attraktiv. Dennoch sollte es uns kümmern, dass der Kirche an der Basis oder im Pfarramt zusehends die Männer abhanden kommen. Dass dieser Umstand die Kirchenleitungen derzeit beschäftigt, das wage ich zu bezweifeln.

Vor drei Jahren versuchte der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes genau diese Frage zur Sprache zu bringen.

Nur leider mit der falschen Sprache. So verknüpfte Gottfried Locher die mangelnde Präsenz von Männern in der Kirche mit der sogenannten Feminisierungsdebatte, was bekanntlich und zu Recht zu einem Sturm der Entrüstung führte. Inzwischen ist er zurückgekrebst, und das Thema der Stellung der Männer in der Kirche ist wieder vom Tisch.

Ist es nicht einfach der Lauf der Zeit, dass die Kirche heute stärker von Frauen geprägt ist?

Das höre ich oft. Institutionen würden sich nun einmal verändern. Früher sei die Kirche eine Männerbastion gewesen, und nun kämen die Frauen an die Reihe. Ich sehe diese Entwicklung insgesamt aber eher als Verarmung.

Weshalb?

Wir wissen inzwischen, dass Teams, in denen sich Frauen und Männer die Waage halten, für eine Organisation generell viel inspirierender und effizienter sind. Warum dieses Wissen nicht klug für die Zukunft einsetzen? Ich anerkenne, dass die Kirche für viele Frauen ein guter Ort zum Arbeiten ist, sei es auf ehrenamtlicher oder auf professioneller Ebene. Die Institution hat in den letzten Jahrzehnten viel beigetragen zur Stärkung von Frauen. Trotzdem ist es ein Problem, dass die Realitäten von Männern immer weniger Platz finden. Es gibt innerhalb der Kirche keine Fürsprecher mehr, die Themen aufnehmen, die für Männer wichtig sind.

Welche Themen meinen Sie?

Beispielsweise die Arbeitswelt oder die Erwerbssituation von Männern. Nehmen wir als Beispiel den Vaterschaftsurlaub: Hier versagen die meisten Landeskirchen und Kirchgemeinden komplett. Viele bieten ihren männlichen Angestellten nicht mehr als ein bis zwei Tage. Das ist skandalös. Und wenn eine Institution, die sich bei jeder Gelegenheit ihre Familienfreundlichkeit auf die Fahne schreibt, zum Beispiel keinerlei Support zu einem Anliegen wie dem Vaterschaftsurlaub leistet, kapiere ich die Welt nicht mehr.

Was müsste im kirchlichen Alltag verändert werden, um mehr Männer zu erreichen? Braucht es andere Themen, andere Geschichten, eine andere Ansprache und Tonalität?

Die kirchliche Erwachsenenbildung, aber auch die Seelsorge ist zunehmend stark von Frauen und ihrem Kommunikationsverhalten geprägt. Das hat zur Folge, dass meist sehr schnell nach Wegen gesucht wird, um über sich persönlich zu reden, auch über das Innerste. Viele Männer neigen jedoch dazu, zunächst einmal zu schweigen – und trotzdem läuft auch bei ihnen vieles ab.

Das klingt ja, als wäre es etwas Negatives, über sich selbst zu sprechen.

Nein, natürlich nicht. Aber es gibt auch ein zu schnelles Reden und ein Zuviel an Reden. Viele Männer verspüren einen enormen Druck, um jeden Preis über ein Problem reden zu müssen. Da muss die Kirche auch neue Kommunikationsformen entwickeln, die mehr auf dem Leben und der Erfahrung von Männern beruht.

Was heisst das konkret?

Ich bin bei der Arbeit mit Männern beispielsweise vom ständigen Sitzen im Kreis weggekommen und bevorzuge das gemeinsame Unterwegsseins: Walk und Talk. Das knüpft auch ein Stück weit an Jesu Unterwegssein mit seinen Jüngern an und müsste der Kirche doch gut gefallen.

Wenn moderne Männer der Kirche in zunehmendem Mass den Rücken kehren, wo suchen sie stattdessen Sinn?

Eine grosse deutsche Studie förderte dazu interessante Ergebnisse zutage. Anders als früher finden viele Männer demnach ihren Lebenssinn nicht mehr ausschliesslich im Beruf, sondern suchen ihn vermehrt in der Familie und in der Freizeit. Viele Befragte äusserten eine grosse Sehnsucht nach mehr Autonomie. Sie beklagten das hohe Mass an Fremdbestimmung, unter dem sie am Arbeitsplatz, aber auch in Partnerschaft und Familie litten. Zwar wurden keine konkreten Visionen geäussert, aber oft der Wunsch formuliert, überall entspannter leben und freier atmen zu können. Das Verrückte ist, dass Sportstadien für viele der Ort sind, an dem sie Autonomie und Sinnhaftigkeit erleben. Eine Institution wie die Kirche müsste eine solche Aussage ernst nehmen: Im Fussballstadion können Männer offenbar etwas erleben, was im Rahmen der Kirche eingedämmt und verunmöglicht wird.

Was hat diese Analyse mit der Kirche zu tun?

Ich halte es für ein reformatorisches Kernanliegen, sich nicht länger – damals ging es um den Klerus – fremdbestimmen zu lassen, sondern selber zu überlegen, was man in seinem Leben will und braucht. Ich kenne aus meiner Beratungstätigkeit viele Männer, die mit Mitte vierzig in der grossen Lebenskrise steckten, weil sie sich nie ernsthaft überlegt hatten, was eigentlich ihr Auftrag, ihre Mission im Leben sei. Der Missionsgedanke ist wichtig für Männer, denn sie haben ein grosses Bedürfnis, Spuren zu hinterlassen. Die Reformation, die so etwas wie den Anfang eines selbstbestimmten Lebens darstellte, gab solchen Anliegen Auftrieb.

Was auffällt: Sie sprechen immer von Männern, als wäre das eine geschlechtliche Kategorie mit einheitlichen Bedürfnissen. Längst nicht jeder Mann will Spuren hinterlassen, und längst nicht jeder versteht sich einzig als Ernährer und monetärer Zulieferer eines Familiensystems.

Natürlich gibt es immer wieder Männer, die sich von Erwartungshaltungen befreit haben. Die Statistik spricht aber dafür, dass der Grossteil der Männer unverändert im Hamsterrad rennt. Fakt ist: In der Schweiz werden die Familieneinkommen noch immer zu drei Vierteln von den Männern erwirtschaftet.

Sie waren in den 90er Jahren massgeblich an der Gründung kirchlicher Fachstellen für Männerfragen in Bern und Zürich beteiligt. Heute gibt es keine mehr davon. Was ist schiefgelaufen?

Vielleicht ist es symptomatisch, dass sie als Erstes unter die Räder kamen, als gespart werden musste. Offenbar hielt man die Arbeit mit Männern für zu wenig ergiebig. Wir wurden damals auch immer wieder gefragt, ob man die Männer, die zu uns in die Beratung kämen, dann wenigstens am Sonntag im Gottesdienst sehen würde.

Und?

Damit kann man nicht rechnen. Diese Männer suchen nicht die Institution, sondern Begleitung auf ihrem Weg und bei der Sinnsuche im Männerleben. Die Kirche könnte es ja auch als ihre Aufgabe ansehen, besondere Orte und Gelegenheiten zu schaffen, wo sich Männer begegnen können, die sich neu orientieren möchten und nach Sinn suchen. Ich weiss, dass einzelne Kirchgemeinden entsprechende Angebote bereits machen, dabei aber wenig Unterstützung und Anleitung erhalten.

Die Männerfragen haben in der Kirche also eigentlich eine schlechte Lobby.

Das kann man so sagen. Zumindest bei den männlich dominierten Kirchenleitungen, was eigentlich paradox ist. Wenn schon, dann sind es heute die Frauen in der Kirche, die dezidiert darauf hinweisen, dass diese Themen wichtig sind.

Die Frauen in der Kirche setzen sich anwaltschaftlich für die Sache der Männer ein. Warum ist das so?

Weil sie wissen, dass, wenn sich die Männer in ihren Vorstellungen und Rollenbildern nicht bewegen, sie am Ende als Frauen auch nicht weiterkommen.

Das muss Sie doch freuen.

Mich freut diese Unterstützung zwar, andererseits kann es nicht die Aufgabe der Frauen sein, uns Kirchenmänner «glücklich» zu machen. Frauen sollen den Raum, der ihnen zur Verfügung steht, für ihre eigenen Anliegen nutzen. Und sie leisten wirklich gute Arbeit. Ich gestehe offen: In vielen Teams, die ich beraten habe, fand ich die Theologinnen und Pfarrerinnen schlicht kompetenter als ihre männlichen Kollegen.

Unlängst kritisierten Sie in einem Referat, dass die Kirchen in einer hochsexualisierten Welt noch immer so täten, als gäbe es keine Sexualität, keine Pornografie und auch keine Erotik. Könnte die Kirche nicht genau einen Gegenpol zu dieser Welt bilden?

Ein Mensch ohne Sexualität ist nicht denkbar, das schafft sogar die reformierte Kirche nicht. Nun aber ernsthaft: Ich habe das Gefühl, dass gerade die jungen Männer sehr verunsichert sind in ihrer Sexualität. Dass sie schon mit dreizehn Youporn konsumieren können, macht vielen mehr Angst, als dass es ihnen neue Freiheiten beschert. Da könnte doch die Kirche eine wichtige Gegenkraft bilden, indem sie ihnen eine Begleitung auf dem Weg in ihre Sexualität anbietet.

Warum soll ausgerechnet die Kirche Heranwachsende in diesem Bereich begleiten?

Weil sie mit der Konfirmation über ein Initiationsritual ins Erwachsenenleben verfügt. Das bietet einen geeigneten Rahmen, um auch über die erwachende Sexualität zu sprechen. Junge Frauen werden bei solchen Themen besser begleitet, und es gibt mehr spezifische Hilfsangebote, die sie wahrnehmen können. Die Burschen verkriechen sich im Internet. Für solch ein Angebot braucht es aber auch kirchliches Personal, das dieser Aufgabe gewachsen ist.

Die Kirche als Kompetenzort für solche Fragen — das lässt sich nur schwer zusammenbringen.

Das ist so. Denn dafür müssten sich die Unterrichtenden, da denke ich an Männer, die das übernehmen müssten, auch mit der Geschichte ihrer eigenen Sexualität befassen. Sie müssten in der Lage sein, auf gute Weise ihre eigenen Erfahrungen einzubringen, und bereit sein, von sich selber zu erzählen. Vom ersten Verliebtsein, eigenen Ängsten und der ersten Enttäuschung. Männerarbeit hat sehr viel mit Storytelling zu tun; junge Männer mögen Geschichten von erfahrenen Männern und von Vätern. Damit schliesst sich auch der Kreis zur «#ChurchToo»-Debatte. Es ist tatsächlich wichtig, dass auch in der Kirche Männer heranwachsen, die sich Gedanken machen über ihre Rolle und ihren Umgang mit Frauen. Nur so können wir langfristig das heutige Schweigen durchbrechen.

Barbara Lukesch ist freie Journalistin und unterrichtet an verschiedenen Hochschulen sowie an der Schweizer Journalistenschule MAZ.
Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Der Fotograf Roshan Adhihetty lebt in Zürich.

Der Theologe, Coach und Erwachsenenbildner Andreas Borter, 66, zählt zu den Pionieren der kirchlichen Männerarbeit. Nach seinem Studium der Theologie in Bern und den USA arbeitete er zehn Jahre als Pfarrer im Berner Seeland und anschliessend zwölf Jahre in der kirchlichen Erwachsenenbildung. In dieser Zeit baute er auch die Fachstelle für kirchliche Männerarbeit auf. Bis zu seiner Pensionierung leitete er drei Jahre lang das Schweizerische Institut für Männer- und Geschlechterfragen in Burgdorf BE. Borter ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Von jeher teilt er sich mit seiner Frau die familiäre Verantwortung, was ihn als jungen Familienvater mit Wunsch nach einer Pensenreduktion prompt die Pfarrstelle kostete. dem