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Freitag, 10. Juni 2022

In einem Kellergewölbe unter der Via Luigi Luzzatti, einer ruhigen Wohnstrasse zwischen dem Kolosseum und dem römischen Hauptbahnhof, beherbergt die Vatikanverwaltung einen ungewöhnlichen Gast. Man kann hier in die Tiefe steigen und Circe besuchen, die Zauberin von der Insel Aiaia, die Odysseus einst den Weg in den Hades wies und seine Gefährten in Schweine verwandelte.

Ein knappes Jahrhundert lang hat die Vatikanverwaltung von ihrem Gast nichts gewusst, aber jetzt hat sich das geändert und die Kirche steckt in ein paar Erklärungsnöten: Was soll die Anwesenheit dieser homerischen Gestalt in einer urchristlichen Grabstätte bedeuten? Zeigt sie, dass frühe Christen bestimmten heidnischen Traditionen näher standen als gedacht? Ist die Anwesenheit der alten Giftmischerin sogar ein verschlüsselter Hinweis auf frühchristliche Drogenrituale?

«Vorsicht auf den Stufen!» warnt Giovanna Ferri und ­leuchtet mit ihrer extrastarken Stablampe in ein düsteres Tunnelsystem. Die Archäologin und Kunstgeschichtsexpertin ist von der Päpstlichen Kommission für sakrale Archäologie hergeschickt worden, um den Journalistenbesuch aus Deutschland zu empfangen. Sie wirkt überrascht, denn viele Menschen lässt der Vatikan hier gar nicht rein. «In den vergangenen Jahren höchstens fünf Besucher», sagt Ferri, eine zierliche Frau in einem kurzen Trenchcoat und mit einer grossen Plastikbrille im Gesicht. Den Lampenschein lässt sie über die Wände einer kleinen Eingangshalle flackern. Die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit, blicken auf Ziegelsteine, Zementfugen, eine Betonplatte und kleine Flächen aus bröckelndem vulkanischem Tuff. Baustoffe aus vielen Epochen.

«Wir wissen, dass diese Anlage ursprünglich zur Mitte des dritten Jahrhunderts angelegt worden ist, und keinesfalls nach 270», sagt Ferri und fügt hinzu, dass sie diese Epoche eigentlich nicht so gerne mag. Sie hat an der staatlichen Universität Roma Tre studiert und sich auf frühchristliche Grabanlagen spezialisiert. In den späteren Katakomben ist das ein ergiebiges Geschäft, denn da sass mit Konstantin dem Grossen schon ein grosser Förderer des Christentums auf dem römischen Kaiserthron. 313 wurde die neue Religion dem römischen Götter­glauben gleichgestellt. Aber 270 nach Christus? Da finden sich noch nicht so viele christliche Zeugnisse in den Gräbern. «Man muss hier schon sehr genau schauen, wenn man christliche ­Symbole sehen will.»

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