Wussten Sie, dass die Reformation auch die Korruption bekämpfte?

Von Peter Opitz

 

An einer Tagsatzung zu Beginn der Reformation. Nach dem Eid auf den dreieinigen Gott schritten die Delegierten der eidgenössischen Orte zum zweiten Traktandum: Wie viele junge Krieger sollen in die Kriegsgebiete Europas entsandt werden? Natürlich schickten die Eidgenossen die Söldner zu jenen Warlords, die am meisten für sie zahlten. Auch der Papst war solch ein Warlord, der mit seiner Schweizergarde die kriegerischen Dienste in Anspruch nahm. Das Geld dafür, sogenannte Pensionen, floss wiederum in die Privatkassen der Politiker der Alten Eidgenossenschaft. Ein Staat, der offiziell von Menschenhandel und Korruption lebte, mitten in Europa: Das war die christliche Schweiz vor rund 500 Jahren. Wer Kritik übte, dem wurde entgegnet, dass es um die Wirtschaft und den Wohlstand gehe; wovon wiederum alle profitieren würden. Und überhaupt: Wenn wir es nicht tun würden, dann tun es andere.

Aus den Fängen dieser Hydra musste sich auch der Reformator Ulrich Zwingli erst einmal befreien. Dann aber scheute er sich nicht, den Missstand beim Namen zu nennen: Korruption. Fortan versuchte Zwingli die Schweizer von diesem zerstörerischen Irrweg abzubringen: «Ich hoffe, dass die korrupten Pensionenbezüger, aber auch die Kriegsknechte erkennen, wie furchtbar es ist, dass einer für Geld einen braven Mann, der ihm nichts zuleide getan hat, unter den Augen von Frau und Kindern totschlägt und sein Heim niederbrennt.» Aber auch in der Kirche gab es Korruption: Ämter konnten gekauft werden, oder die zahlreichen Väter unter den Priestern blieben unbehelligt, sofern sie regelmässig für ihre Kinder bezahlten – allerdings nicht an die Mütter, sondern an den Bischof. Und auch der exorbitant hohe Preis für die Kerzen, welche die Gläubigen für ihre Gebete kaufen mussten, war ein einträgliches Geschäft. Zwingli appellierte an die Eidgenossen: «Bestechung macht auch die Weisen blind und verdreht die Worte der Rechtschaffenen.»

Die heutige Wissenschaft definiert Korruption als «destruktiven Akt der Verletzung des allgemeinen Interesses zu gunsten eines speziellen Vorteils». Zwingli hatte vor fünfhundert Jahren das Übel einfacher auf den Punkt gebracht: Eigennutz vor Gemeinnutz! Korruption ist kein Privileg der Mächtigen. Vielmehr ist sie ansteckend und dringt in den Alltag der Menschen ein. Dabei zerstört sie das Fundament, auf dem jede menschliche Beziehung und jede funktionierende Gesellschaft steht: Vertrauen. Wer verstehen will, was Zwingli, der erste «Reformierte», unter Sünde versteht, sollte nicht an Sexualität oder verbotene Würste denken. Wohl aber an Korruption in all seinen Formen.

 

Peter Opitz leitet das Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.

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